Auf dem ersten Jahrestreffen der Young Professionals im VDI haben sich Berufsanfänger zu Karrierethemen, aber auch aktuellen Fragestellungen der Medizintechnik ausgetauscht. Zukunftsweisend war die Keynote von Stefan Vilsmeier, Gründer und CEO der Brainlab AG.
Stefan Vilsmeier ist Gründer und CEO von Brainlab. In seiner Keynote erläutert er den Young Professionals, wie man in seinem Unternehmen softwaregestützte Medizintechnik definiert.
(Bild: Schäfer / Devicemed)
Jahrestreffen der Young Professionals im VDI
Brainlab-CEO Stefan Vilsmeier über Software, Big Data und Mixed Reality in der Medizintechnik
Veränderung – so könnte das Motto des ersten Jahrestreffens der Young Professionals in der Medizintechnik lauten, das der VDI auf der Medtec Europe 2018 organisiert hat. Denn zum einen ist natürlich die Veranstaltung selbst – das erste Treffen dieser Art – ein Zeichen für Veränderung: Nachdem der VDI bereits 2017 ein solches Format für die Young Professionals in der chemischen Industrie ins Leben gerufen hat, folgte jetzt die Medizintechnik. Zum anderen zeigt die Veranstaltung, was sich innerhalb des VDI geändert hat: „Sie sind eine Gruppe, denen wir bislang nicht viel zu bieten hatten“, adressiert Dr. Andreas Herrmann von der VDI-Gesellschaft Technologies of Life Sciences die Teilnehmer. Das soll sich ändern.
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In einem Alter, in dem die meisten der Teilnehmer ein Haus bauen, eine Familie gründen – und eben auch beruflich Fuß fassen möchten, will der VDI die rund 60 Teilnehmer der Veranstaltung begleiten, das heißt Hilfestellung geben bei Problemen, die über den eigenen „technischen Tellerrand“ hinausgehen. Intendiert ist ein firmenübergreifender Erfahrungsaustausch zu Fach-, aber eben auch Karrierefragen. Für die erste Veranstaltung hat der VDI die Themen Smart Health und Smart Manufacturing als Themen gesetzt. Und möchte, wie die erste Keynote von Brainlab-Gründer und CEO Stefan Vilsmeier zeigt, nicht nur informieren, sondern auch inspirieren. „Digitizing Healthcare – History & Outlook“ lautet der Titel von Vilsmeiers Vortrag, der, wie sollte es anders sein, auf den Wandel zurückblickt, den die Medizin und die Medizintechnik in den letzten 30 Jahren vollzogen haben. Die Wahl des Zeitrahmens kommt natürlich nicht von ungefähr, hat Vilsmeier sein Unternehmen Brainlab doch vor ziemlich genau 30 Jahren, nämlich 1989, gegründet. Seither hat sich viel getan: Im Sommer 2017 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die neue Firmenzentrale des einstigen Start-ups eingeweiht. Was ganz klein mit einem Commodore Amiga begann (dem einzigen Computer, der laut Vilsmeier damals verfügbar war) ist heute ein Hightech-Unternehmen mit mehr als 1.300 Mitarbeitern.
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Chirurgie und Software gehören zusammen
„Vor 30 Jahren war Software in der Chirurgie eine groteske Idee“, blickt Vilsmeier in seiner Keynote zurück. Nicht ohne ein Schmunzeln. Denn war man damals ein „guter Chirurg“, wenn man keine Software zum Operieren brauchte, so sei es heute genau umgekehrt. Ein Beweis dafür, wie sehr sich nicht nur die Medizintechnik, sondern auch der Beruf des Chirurgen gewandelt hat, denn Affinität zu Technik zählt heute nicht nur als Vorteil, sie ist vielfach schlicht Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere.
Zum Erfolg braucht es mehr als eine einzige gute Idee
Den Wandel in der Medizin hat Vilsmeier mit Brainlab miterlebt und im Bereich Software vorangetrieben. Auch wenn er seine Firma in München gegründet hat, so konnte er die ersten Erfolge nicht in Deutschland, sondern im Ausland verzeichnen. 1992 stellte er seine Technologie auf den ersten Messen in den USA vor. Danach konnte er die ersten Systeme verkaufen – nach Taiwan. Eine gute Aus- und Weiterbildung, verrät er den Young Professionals in Stuttgart, sei ein wichtiges Element, um voranzukommen. In Vilsmeiers Worten: „Auf dem Weg braucht es mehr als eine einzige gute Idee.“
30 Jahre nach der Firmengründung arbeiten deshalb rund 430 Entwicklungsingenieure bei Brainlab. Die Produkte finden sich heute in fast allen Bereichen der Medizintechnik wieder. Stand zu Beginn der Frust darüber, dass digitale Daten nicht verarbeitet und genutzt wurden, so kann Vilsmeier mittlerweile sagen: „Sofware ties it all together“, Software verknüpft Unmengen unterschiedlicher Daten, wertet sie aus und fügt sie zu neuen Anwendungen zusammen. Ein Beispiel: Mit Softwaresystemen für die chirurgische Navigation werden, einem GPS im Auto vergleichbar, chirurgische Instrumente in Bezug zur tatsächlichen, individuellen Anatomie des Patienten gesetzt und während eines Eingriffs auf einem Bildschirm in Echtzeit angezeigt.
Apple, Google und Co. werden die Medizintechnik revolutionieren
Doch auch wenn Brainlab-Technologie bis dato in mehr als 4.400 Krankenhäusern und in rund 100 Ländern eingesetzt wird, sind es weniger die Medizintechnik- und Pharmafirmen, die sich damit beschäftigen, wie man vorhandene Patientendaten nutzen kann. In Medizintechnikfirmen sei Software selten Bestandteil einer digitalen Strategie, verrät Vilsmeier. Kaum ein CEO kenne sich damit aus oder sehe die Chancen, die Software bringen kann. Innovationen seien daher in Zukunft eher von großen und bekannten IT-Firmen zu erwarten wie Apple, Google, IBM oder HP – auch wenn diese bislang noch vergleichsweise wenig Medizintechnik-Know-how vorweisen können. Brainlab möchte den Wandel mitgestalten. Das bedeutet beispielsweise: Daten maschinenlesbar machen, die Anatomie von Patienten maschinenlesbar machen. Das Ziel sind Bilder, wie man sie bislang nur aus dem Anatomiebuch kennt; mit dem Unterschied jedoch, dass es diese standardisierten Bilder für jeden individuellen Patienten geben kann, automatisiert erstellt. Strukturen photorealistisch darzustellen, dies ermöglicht die intelligente Verarbeitung von Daten, die es in der Regel bereits gibt, die aber bislang häufig nicht genutzt werden. Mit Blick auf Big Data sagt Vilsmeier: „80 Prozent aller Gesundheitsdaten sind bislang unstrukturiert.“
Big Data kann Abläufe im OP entscheidend verbessern
Die Zukunft sieht anders aus. Chirurgen werden am OP-Tisch von Mixed Reality profitieren. Sie werden virtuelle Einblicke in den Patienten erhalten in Form von Bildern, die bei Bedarf in ihrem Sichtfeld eingeblendet werden. Sie werden außerdem auf Daten zurückgreifen können, die ihnen verraten, welches Instrument sie am besten verwenden – und vieles ähnliche mehr. Im Kern geht es also darum, Wissen zu generieren, wie eine Operation idealerweise aussieht und wie man die Infrastruktur anpassen kann, um sie weiter zu optimieren. Das Strukturieren, Auswerten und gezielte Verfügbarmachen von Daten ist hierfür der entscheidende Baustein. Ob das nur für die Chirurgie gilt? Vilsmeier jedenfalls ist überzeugt: „Die gesamte Medizintechnik wird datengetrieben werden.“
Stand: 08.12.2025
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