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Blutdruckmessung Omron senkt Manschettendruck durch neue Signalberechnung

Von Guido Deußing 4 min Lesedauer

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Ein neues oszillometrisches Verfahren senkt den maximalen Manschettendruck gegenüber zwei herkömmlichen Messverfahren im Mittel um 32 bzw. 51 mmHg und verkürzt die Messzeit. Ein Algorithmus ergänzt den nicht erfassten Teil der Hüllkurve. Eine Vergleichsstudie ergab einen höheren Messkomfort. Eine klinische Validierung der Genauigkeit nach ISO 81060-2 steht noch aus.

Omrons Messverfahren verringert Spitzendruck und Messzeit durch die rechnerische Ergänzung der Hüllkurve. Schema, keine Messdaten; Amplituden nicht maßstäblich. (Bild:  Redaktion Devicemed; nach Ota et al. [1,2]; KI-generiert)
Omrons Messverfahren verringert Spitzendruck und Messzeit durch die rechnerische Ergänzung der Hüllkurve. Schema, keine Messdaten; Amplituden nicht maßstäblich.
(Bild: Redaktion Devicemed; nach Ota et al. [1,2]; KI-generiert)

Bei einer herkömmlichen Blutdruckmessung steigt der Druck in der Oberarmmanschette deutlich über den oberen, systolischen Blutdruckwert. Im Mittel betrug dieser Überschuss bei einem untersuchten Omron-Gerät gut 30 mmHg. Bei sehr hohem Blutdruck kann der Manschettendruck laut den Entwicklern sogar 200 mmHg überschreiten. Das ist für Patienten unangenehm und kann regelmäßige Messungen erschweren. 

Ein neues Verfahren von Omron Healthcare soll die Belastung verringern. Der technische Ansatz: Die Pumpe stoppt früher, ein Algorithmus ergänzt die fehlenden Messdaten [1]. Wie sich das auf den Messkomfort auswirkt, haben Wissenschaftler der Jichi Medical University in Japan und des Herstellers untersucht. Ihre Ergebnisse erschienen am 6. Oktober 2026 in Hypertension Research [2].

Die Pumpe stoppt nach dem Maximum

Oszillometrische Blutdruckmessgeräte erfassen kleine Druckschwankungen in der Manschette, die durch den Herzschlag entstehen. Während der Manschettendruck steigt oder fällt, verändern sich deren Amplituden. Aus diesem Verlauf entsteht eine glockenförmige Hüllkurve, anhand derer das Gerät den systolischen und diastolischen Blutdruck berechnet.

Das neue Verfahren beobachtet die Pulsamplituden bereits während des Aufpumpens. Sobald sie ihr Maximum überschritten haben und wieder abnehmen, stoppt die Pumpe. Herkömmliche Geräte mit Messung beim Aufpumpen erhöhen den Manschettendruck dagegen weiter, um ausreichend Daten für die Blutdruckberechnung zu gewinnen.

Was die Manschette tatsächlich misst

Ein oszillometrisches Blutdruckmessgerät registriert die vom Herzschlag verursachten Druckschwankungen in der Oberarmmanschette. Deren Amplitude steigt zunächst an, erreicht ein Maximum und fällt wieder ab. Verbindet man die Amplitudenwerte über dem jeweiligen Manschettendruck, entsteht eine glockenförmige Hüllkurve. 
Das Maximum liegt näherungsweise beim mittleren arteriellen Druck. Dieser beschreibt den durchschnittlichen Druck in den Arterien während eines Herzzyklus.
Den systolischen und diastolischen Blutdruck bestimmt das Gerät rechnerisch. Bei der klassischen auskultatorischen Messung werden dagegen die sogenannten Korotkow-Geräusche mit einem Stethoskop abgehört. Sie entstehen durch die pulsierende Blutströmung in der teilweise zusammengedrückten Arterie.
Das neue Omron-Verfahren erfasst nur einen Teil der Hüllkurve und ergänzt die fehlenden Daten mathematisch. Dadurch kann die Pumpe früher abschalten.

Der Algorithmus kommt mit einem kürzeren Abschnitt der Hüllkurve aus. Er verarbeitet die erfassten Signale zunächst durch mathematische Faltung und passt anschließend eine glockenförmige Modellkurve an. Deren Lage, Höhe und Breite werden aus den Messdaten bestimmt. Zusätzliche Merkmale der Pulswelle dienen zur Korrektur der berechneten Blutdruckwerte [1].

Damit wird ein Teil der Hüllkurve rechnerisch ergänzt. Die Verbesserungen kommen nach Angaben der Entwickler ohne größere Bauteile aus; langfristig könnte das Verfahren auch in einfachen Messgeräten eingesetzt werden. Voraussetzung sind eine ausreichend gute Signalqualität und die entsprechende Rechenleistung des Mikrocontrollers [1].

38 mmHg weniger Druck in der Vorstudie

Die Entwickler überprüften das Verfahren zunächst anhand gespeicherter Drucksignale des Omron HEM-7600T. Die Auswertung umfasste 255 Messungen von 85 Personen. Der maximale Manschettendruck sank rechnerisch im Mittel von 161,6 auf 123,5 mmHg, die Messdauer von 22,6 auf 16,3 Sekunden. Bei 89 % der ausgewerteten Messungen lag der simulierte Spitzendruck unter dem systolischen Blutdruck [1].

In der Simulation hätte sich die Manschette somit in den meisten Fällen entspannen können, bevor sie den Blutfluss durch vollständiges Zusammendrücken der Arterie unterbricht. Der systolische Blutdruck wird aus der ergänzten Hüllkurve abgeleitet. Ob das tatsächlich verwendete Gerät HEM-7290T im Alltag ebenso häufig unter dem systolischen Druck bleibt, lässt sich anhand der zugänglichen Angaben zur Folgestudie nicht beurteilen.

Die errechneten Blutdruckwerte stimmten weitgehend mit denen des konventionellen Omron-Verfahrens überein. Die Intraklassen-Korrelationskoeffizienten betrugen 0,98 für den systolischen und 0,94 für den diastolischen Wert. Der statistische Kennwert beschreibt die Übereinstimmung zweier Messwertreihen; der Wert 1 steht für vollständige Übereinstimmung.

Messungen werden als angenehmer empfunden

In der Folgestudie prüften die Forschenden den Omron HEM-7290T bei tatsächlichen Messungen. Bei 110 Teilnehmern verglichen sie das Gerät mit einem ansonsten baugleichen Modell mit herkömmlicher Messung während des Aufpumpens. Weitere 93 Personen durchliefen einen Vergleich mit einem Gerät, das während des Druckablassens misst. In beiden verblindeten Crossover-Vergleichen durchlief jede Person die jeweiligen Messverfahren [2].

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Gegenüber dem ersten Referenzgerät sank der maximale Manschettendruck im Mittel um 32,0 mmHg, die Messdauer um 6,8 Sekunden. Im zweiten Vergleich betrugen die Unterschiede 51,0 mmHg und 14,5 Sekunden. Die Teilnehmer bewerteten außerdem, wie stark sie die Manschette als einengend empfanden. Bei dem neuen Verfahren fiel dieses Empfinden in beiden Vergleichen statistisch signifikant geringer aus (jeweils p < 0,001) [2].

Klinische Genauigkeit bleibt zu prüfen

Die Vorstudie beruhte auf einer nachträglichen Berechnung gespeicherter Messsignale. Als Vergleich dienten die Blutdruckwerte eines herkömmlichen Omron-Geräts. Eine klinische Validierung des neuen Verfahrens nach ISO 81060-2:2018 lag zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch nicht vor [1]. Die Folgestudie untersuchte vorrangig den Messkomfort und ersetzt eine solche Genauigkeitsprüfung ebenfalls nicht.

In der Vorstudie war die Druckeinsparung bei systolischen Werten ab 135 mmHg ähnlich groß wie bei niedrigeren Blutdruckwerten. Daraus lässt sich jedoch keine gleichbleibende Messgenauigkeit bei ausgeprägtem Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen ableiten.

Beide Veröffentlichungen stammen von denselben drei Autoren. Zwei von ihnen sind bei Omron Healthcare beschäftigt. Kazuomi Kario von der Jichi Medical University erhielt Forschungsförderung des Unternehmens. Omron finanzierte beide Studien. Ob das Verfahren auch in Geräten für den europäischen Markt eingesetzt wird und ob diese bereits eine CE-Kennzeichnung nach der EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) tragen, geht aus den beiden Veröffentlichungen nicht hervor.

Quellen

[1] Ota Y, Kuwabara M, Kario K. A novel oscillometric method for blood pressure measurement with reduced cuff pressure and measurement time. Hypertens Res. 2026;49(7):2232–2239. doi:10.1038/s41440-026-02676-8.
[2] Ota Y, Kuwabara M, Kario K. Toward patient-centered blood pressure monitoring: first evaluation of a low-pressure and rapid oscillometric method for reducing cuff-related measurement burden. Hypertens Res. Published online October 6, 2026. doi:10.1038/s41440-026-02838-8.