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„Wir sind Übersetzer zwischen beiden Welten“

| Redakteur: Kathrin Schäfer

Sie wird oft beschworen – die Innovationskraft der Medizintechnikbranche. Doch es besitzen vor allem größere Unternehmen die Ressourcen, Ideen in neue, marktreife Produkte zu überführen. Mit dem Verbundprojekt Regio-Link könnte sich das ändern. Devicemed hat hierüber mit Dr. Luigi de Gaudenzi gesprochen, Geschäftsstellenleiter von Regio-Link am Hochschulcampus in Tuttlingen.

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Dr. Luigi de Gaudenzi, Regio-Link: „Wir versetzen auch kleine Unternehmen in die Lage, marktreife Produkte zu entwicklen.“
Dr. Luigi de Gaudenzi, Regio-Link: „Wir versetzen auch kleine Unternehmen in die Lage, marktreife Produkte zu entwicklen.“
(Bild: Hochschule Furtwangen)

Herr de Gaudenzi, weshalb ist diese Förderung notwendig?

Neue Medizinprodukte entstehen häufig aus Gemeinschaftsprojekten zwischen Forschung und Industrie. Die Medizintechnikbranche ist zwar überaus innovativ – das ist allgemein bekannt –, aber die Forschungsleistungen beschränken sich meist auf die größeren Unternehmen. Bei KMU besteht Nachholbedarf. Die wenigsten Firmen hier in der Region verfügen über Kontakte zu Hochschulen, geschweige denn über die notwendigen personellen und wirtschaftlichen Ressourcen.

Und Sie schließen diese Lücke?

Ja, als Außenstelle der Hochschule gehen wir auf die Firmen zu und sprechen sie an. Ziel ist, die Forschungsressourcen der Hochschule Furtwangen für sie nutzbar zu machen.

Hinzu kommt: Eine Vielzahl der Ideen für neue Medizinprodukte kommen direkt von Anwendern. Mit der Charité Berlin versetzen wir auch kleine Unternehmen in die Lage, aus dem klinischen Alltag heraus neue Ideen zu entwickeln. Die Charité ist also am kreativen Prozess beteiligt. Im Idealfall mündet all das in die Entwicklung eines neuen Produktes, das dann über einen Fördermittelantrag finanziert wird.

Gibt es inhaltliche Beschränkungen, beispielsweise auf die Forschungsschwerpunkte der Hochschule Furtwangen?

Beschränkungen gibt es momentan nur auf der geografischen Ebene: Das BMWi fördert Regio-Link mit der Maßgabe, dass es sich auf die Regionen im Raum Tuttlingen und im Raum Berlin beschränkt. Langfristig wollen wir uns jedoch selbst tragen, so dass nicht ausgeschlossen ist, dass wir zukünftig einmal deutschlandweit agieren.

Was die Inhalte angeht: Als Hochschule mit Angewandten Wissenschaften sind wir thematisch breit aufgestellt, so dass wir letztendlich jeden Bedarf befriedigen können. Dies bedeutet, dass wir neben unseren technischen Schwerpunkten wie Antriebstechnik, Mikrosystemtechnik, Schleiftechnologie etc. auch die Erstellung von Usabilty-Konzepten oder statistische Auswertungen zur Evaluation der Wirksamkeit von Medizinprodukten anbieten können. Grundsätzlich können Firmen mit jedem Thema auf uns zukommen.

Wie kommen Unternehmen mit Ihnen in Kontakt?

Das Bewusstsein für Kooperationen zwischen Forschung und Industrie ist hier in der Region noch nicht allzu verbreitet. Deshalb gehen wir aktiv auf Unternehmen zu. Dazu nutzen wir klassische Methoden: den persönlichen Kontakt auf Veranstaltungen – oder die Pressearbeit (lächelt).

Unter welchen Voraussetzungen können Firmen an dem Projekt teilnehmen?

Ein typisches Beispiel: Häufig haben Firmen bereits Ideen für neue Produkte in der Schublade. Für ihre Umsetzung bräuchte es jedoch Technologien, die im Haus nicht angesiedelt sind. Diese Lücke füllen wir. Ein weiteres Szenario: Unternehmen haben einen Projektentwurf, der aber noch nicht ganz rund ist. Da kann es beispielsweise darum gehen, für ein Produkt den richtigen Werkstoff zu finden. Diese Möglichkeit bietet das Werkstofflabor hier an der Hochschule. Wenn wir es schaffen, dass Unternehmen sich in solchen und ähnlichen Fällen an uns wenden, dann haben wir bei Regio-Link einen guten Job gemacht.

Warum macht es mehr Sinn, sich direkt an Regio-Link zu wenden als mit einer Hochschule Kontakt aufzunehmen?

Nun, mit unserer Geschäftsstelle hier in Tuttlingen sprechen wir ja vor allem Unternehmen aus der Region an. Hierbei ist die räumliche Nähe ein zentrales Argument und nicht zu unterschätzen. In der Praxis erweist es sich als vorteilhaft, wenn man den Hochschulpartner direkt vor der Haustür hat.

Hinzu kommt: Außenstehende haben naturgemäß wenig Einblicke in die Prozesse innerhalb einer Hochschule. Viele Unternehmen wissen gar nicht, an welche Fachbereiche sie herantreten sollen. Oder sie stellen ihre Anfrage zum falschen Zeitpunkt, so dass sie eine Antwort nur mit Verzögerung bekommen. Oder aber, sie formulieren ihr Anliegen so, dass die akademische Seite es nicht versteht. Im schlimmsten Fall bekommen sie dann gar keine Antwort und ihr Anliegen verpufft. All diese Problemfälle können wir mit Regio-Link lösen. Als zentrale Anlaufstelle leiten wir Anfragen zielgerichtet innerhalb unseres Hauses weiter. In vielen Fällen fungieren wir als Übersetzer zwischen beiden Welten.

Mit welchen Fragen kommen Unternehmen in der Regel auf Sie zu?

Viele sind erst einmal auf der Suche nach allgemeinen Informationen, das heißt, sie wollen wissen, welche Fachbereiche es hier an der Hochschule gibt und was wir als Geschäftsstelle leisten können. Auch ob wir Studierende zur Verfügung stellen können, wird gerne gefragt. Das ist übrigens etwas, das wir gerne bejahen: Studierende, die ihre Bachelor- oder Masterarbeit schreiben, können durchaus bereits an Projekten teilnehmen. Für Unternehmen ist dies eine Chance, Fachkräfte für die Zukunft zu rekrutieren.

Wie sieht es mit Kosten aus?

Natürlich treibt Unternehmen auch die Frage nach den Kosten um, die ihnen entstehen, wenn sie unsere Leistungen in Anspruch nehmen. Erstaunlich wenig verbreitet ist das Wissen, dass es Fördermittel gibt in Form von nicht zurückzahlbaren Zuschüssen. Last but not least geht es häufig auch um das Thema Vertraulichkeit.

Wichtiger jedoch als die Fragen, die gestellt werden, sind diejenigen, die nicht gestellt werden. Wenn beispielsweise ein KMU eine Idee hat, aber mit einem technischen Problem nicht weiterkommt. Dann können die Unternehmen sich an uns wenden. Aber häufig kommen die Unternehmen gar nicht auf die Idee, die Hochschule ins Boot zu holen. Hier besteht noch Aufklärungsbedarf.

Welche Vorteile hat die Hochschule Furtwangen selbst durch Regio-Link?

Die Hochschule hat die Möglichkeit, ihre Beziehungen zu den Unternehmen in der Region zu festigen und auszubauen. Wie bereits erwähnt, ist es im Rahmen des Projekts möglich, dass Unternehmen auf Studierende der Hochschule zurückzugreifen. Wir wiederum können dadurch Studiengänge im Bereich der Angewandten Wissenschaften praxisnah gestalten. Und Studierende haben gute Chancen, nach ihrer Ausbildung schnell einen Arbeitsplatz zu bekommen. Auch unsere Lehrstühle sind durch den Kontakt mit Unternehmen immer auf einem aktuellen, praxisnahen Stand der Technik. Denn es besteht ein ständiger Austausch mit der Außenwelt. Davon profitieren sowohl die Hochschule als auch konkret die Angewandte Forschung.

Das Interview führte Kathrin Schäfer.

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