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Portrait Von Freiburg in die Welt

Redakteur: Kristin Breunig

Überall, wo Luft, Gase oder Flüssigkeiten gefördert oder evakuiert werden, sind Membranpumpen zu finden. Anwendungsfelder sind u. a. die In-vitro-Diagnostik und die Anästhesieüberwachung. Auch in therapeutischen und chirurgischen Geräten und in Geräten für die Intensivpflege sind die Pumpen verbaut. Doch hätten die Membranpumpen heute eine Erfolgsgeschichte, wenn in den 60er-Jahren Gewindeschneidmaschinen ein Kassenerfolg gewesen wären?

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Martin Becker ist CEO der KNF-Gruppe.
Martin Becker ist CEO der KNF-Gruppe.
(Bild: KNF)

Als Pumpenhersteller ist KNF heute mit 17 Standorten international tätig. Angefangen hat die Geschichte 1946 in dem vom Krieg zerstörten Freiburg im Breisgau. Kurt Neuberger gründet die Kurt Neuberger Freiburg KG, kurz KNF, und beginnt in seiner Werkstatt Zylinder zu schleifen und Motoren zu reparieren. Später sattelt er auf die Herstellung von Werkzeugmaschinen um. 1953 mietet Neuberger die ersten Räume. In den folgenden 17 Jahren stellt die Kurt Neuberger KG in zwei Stockwerken und einem Keller Gewindeschneidmaschinen und Rundschleifmaschinen her und führt verschiedene Lohnarbeiten aus. Mitarbeiter erinnern sich an eine abenteuerliche Arbeitsumgebung mit einem alten Lokkessel als Heizung und selbstgebauten Werkbänken. 20 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen 1962, als Erich Becker als Partner in die Firma eintritt. Zu dieser Zeit steckt KNF in einer Sackgasse. Die Aufträge für Motorinstandsetzungen gehen zurück und in der Produktion von Gewindeschneidmaschinen gibt es technische Schwierigkeiten. In Lohnarbeit montieren die Freiburger damals auch Membranpumpen für medizinische Inhalations- und Absauggeräte. Beckers Idee, in die Produktion von Membranpumpen einzusteigen, bringt für das Unternehmen den Wendepunkt. Im gleichen Jahr kommen mit der Pumpenreihe Aeromat die ersten KNF-Laborpumpen auf den Markt. Zwei Jahre später stellt das Unternehmen eine korrosionsbeständige Membranpumpe vor. Daraus ergeben sich für die industrielle Verfahrenstechnik, die Chemie und den Laborbereich völlig neue Anwendungsmöglichkeiten. Die Pumpe wird in der Raumfahrt und der Atomtechnik eingesetzt.

Der neue Eigentümer legt den Fokus auf Membranpumpen

1966 stirbt Kurt Neuberger und Erich Becker übernimmt als alleiniger Geschäftsführer die Firma. Im gleichen Jahr erhält KNF das erste Patent für Membranpumpen. Der Fokus wird ab jetzt auf die Membranpumpentechnologie gelegt. Becker reist durch Deutschland und stellt seine Produkte vor. Dabei erfährt er, dass die Membranpumpe einen Enddruck von 20 mbar erreichen muss, um die zu dieser Zeit verbreitete Wasserstrahlpumpe zu verdrängen. Die Mitarbeiter tüfteln und schalten zwei Aeromat-Pumpenköpfe hintereinander. Mit der daraus entstehenden Picco-Pumpe, der NK 25, schafft KNF den lang ersehnten Durchbruch in den Laboren.

1969 zieht das Unternehmen von der Habsburgerstraße in der Freiburger Innenstadt in das neue Firmengebäude auf die grüne Wiese nach Freiburg-Munzingen. Ende der 1960er-Jahre expandiert Erich Becker. Zunächst werden Niederlassungen in Frankreich und Italien gegründet. 1977 öffnet eine Zweigstelle in den USA. Niederlassungen im Vereinigten Königreich, in der Schweiz und in Asien folgen.

Bereits 1974 stellt KNF die ersten temperaturunabhängigen Messgas-Membranpumpen vor. Die Pumpen verfügen über eine Temperaturregelungsoption bis 200 °C. Die Produktsparte wird um weitere Pumpen mit Temperaturregelungsoptionen bis zu 240 °C erweitert. 1994 führt das Unternehmen mit dem Laboport-System die ersten Laborpumpensysteme ein. Die Vakuumsysteme bieten eine feine und reaktionsschnelle Anpassung.

Generationenwechsel und eine klare Strategie

1994 wird Martin Becker, der älteste Sohn von Erich Becker, mit 35 Jahren CEO in Munzingen. 1996 feiert KNF sein 50. Firmenjubiläum. Zu dieser Zeit beschäftigt das Unternehmen weltweit 280 Mitarbeiter. Zur Jahrtausendwende gibt es einen Wechsel in der Geschäftsführung der gesamten Firmengruppe. Auch hier löst Martin Becker seinen Vater als CEO ab.

Als die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 über die Welt hereinbricht, bleibt auch KNF nicht davon verschont. 2009 geht das Auftragsvolumen zurück, es folgen Zahlungsausfälle und ein steigender Preisdruck. Mit vereinten Kräften und dank einer langfristigen Planung, die auf Stabilität statt auf Risiko setzt, schafft es das Unternehmen durch die Krise. Bereits 2010 sind die für 2012 geplanten unternehmerischen Ziele erreicht.

Im gleichen Jahr entsteht die Idee zur Strategie KNF 2025 – ein Zukunftsplan für die nächsten 15 Jahre. Ziele dieser Strategie sind, die Technologieführerschaft zu festigen, neue Märkte zu erschließen und den Umsatz der Gruppe in den nächsten 15 Jahren zu verdreifachen. Der Bereich Microgaspumpen wird als wachsende Sparte identifiziert und 2012 die KNF Micro AG gegründet. Sie konzentriert sich auf die Konstruktion, Entwicklung und Produktion von Micro-Gaspumpen für die gesamte KNF-Gruppe. 2013 übergibt Martin Becker die Leitung von KNF Munzingen an seinen Bruder Paul Becker. 2018 wird das Digital Acceleration Center (DAC) in Hamburg gegründet. Es ist Treiber und Innovationsmotor aller digitalen Projekte von KNF.

Im April 2021 feierte KNF sein 75. Firmenjubiläum. CEO Martin Becker zog eine Zwischenbilanz für die Strategie KNF 2025 und resümierte, dass sich die Route öfters geändert habe, KNF jedoch wie geplant wachse. „Die Reise ist noch lange nicht zu Ende, und selten war sie so spannend wie heute“, sagt Martin Becker erfreut. Die Erfahrungen zeigen, dass nach schlechten auch wieder gute Zeiten kommen, und so schaue man mit festem Blick auf den Horizont.

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