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Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik Viel Tempo und hohes Niveau: M&A im 2. Halbjahr 2021

Eine Analyse von Dr. Christian Bridts*

Auch im zweiten Halbjahr 2021 nimmt der internationale Transaktionsmarkt nicht den Fuß vom Gas. Die Deals sind vor allem von einem boomenden Healthcare-IT-Markt getrieben, beobachtet M&A-Experte Christian Bridts. Außerdem wird von einem geplanten Börsengang von Ottobock gemunkelt und die MDR ist noch immer die Hauptbelastung für viele Mittelständler.

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Das nächste Highlight im medizintechnischen Transaktionsmarkt? Der Prothesenspezialist Ottobock soll für 2022 einen Börsengang planen.
Das nächste Highlight im medizintechnischen Transaktionsmarkt? Der Prothesenspezialist Ottobock soll für 2022 einen Börsengang planen.
(Bild: Ottobock)

Nach dem Feuerwerk des ersten Halbjahres nimmt der internationale Transaktionsmarkt auch weiterhin nicht den Fuß vom Gas, sondern sorgt anhaltend für Schlagzeilen. Weiterhin wird das Transaktionsgeschehen sowohl auf der M&A- als auch auf der Finanzierungsseite u. a. von einem boomenden Healthcare-IT-Markt getrieben. Viele der größten Transaktionen der letzten beiden Jahre sind diesem Umfeld zuzuordnen. Von mehreren Treibern gestützt, überstieg allerdings auch das gesamte VC-Funding der ersten drei Quartale 2021 bereits das schon hohe Gesamtjahresvolumen des Vorjahres. Innerhalb der hochaktiven HC-IT-Branche wiederum finden sich Schwerpunkte nach wie vor in Segmenten wie Telehealth und insbesondere Electronic Health Record-SW-Solutions (EHR), die die Grundlage für Anwendungen wie Predictive Analytics, Vereinfachung von Health-System-Abläufen, klinische Forschung etc. liefern.

Exemplarisch hierfür steht die größte Transaktion des Halbjahres: Für über 28 Milliarden US-Dollar (Equity-Value) sichert sich Datenbank- und Cloud-SW-Spezialist Oracle mit der Cerner-Übernahme Zugriff auf den Wachstumsmarkt Health-IT, Data Analytics und EHR und tritt in direkte Konkurrenz u. a. zu Amazon AWS, bisheriger Partner von Cerner, IBM und Alphabet.

Volumenmäßig folgt die LBO-Übernahme von Athenahealth durch die Finanzinvestoren Bain und Hellman & Friedman für 17 Milliarden US-Dollar, eine weitere EHR-getriebene Transaktion, die die Deal-Listen anführt. Der Athenahealth-LBO reiht sich damit in eine Serie von Groß-Transaktionen ein, die der zunehmenden Verlagerung von Healthcare-Services in die Cloud Rechnung tragen, indem beispielsweise Visiten organisiert, Patientenakten und Gesundheitsdaten verwaltet sowie Zahlungen abgewickelt werden.

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Mergers & Acquisitions (M&A)

Mergers & Acquisitions (M&A) zählen nicht zum unternehmerischen Alltag. Auf den ersten Blick mögen sie nur für die involvierten Unternehmen entscheidende Weichenstellungen darstellen, die dort mit Vorbereitung und Nachwehen häufig mehrere Geschäftsjahre prägen. Teilweise beeinflussen sie durch ihre Auswirkungen aber auch die Struktur ganzer Branchensegmente und bringen dadurch auch für nicht direkt beteiligte Unternehmen wesentliche Veränderungen mit sich. So ist der aufmerksame Blick auf das Transaktionsgeschehen stets auch wichtiger Bestandteil der strategischen Umfeldanalyse.

Im November verkündete der börsennotierte Spezialist für Cloud-gestützte Healthcare-Lösungen Inovalon seine Übernahme durch ein Konsortium von Finanzinvestoren um Nordic Capital zu einer Gesamtbewertung von rund 6,4 Milliarden Euro, die einem EBITDA-Multiple von über 32 entspricht. Inovalon ermöglicht u. a. die Verbindung von Realtime-Datenanalyse im Health-Ecosystem mit konkreten Point-of-Care-Lösungen.

Danaher setzt mit dem 9,6 Milliarden US-Dollar schweren Zukauf von Aldevron erneut ein Ausrufezeichen und sichert sich einen wichtigen Zulieferer der Life Science Industrie im Bereich hochwertiger Plasmid-DNA, mRNA und Proteine. Fast zeitgleich gelingt Konkurrent Perkinelmer mit dem 5,25 Milliarden US-Dollar teuren Kauf der Biolegend eine wesentliche Verstärkung im Bereich von Antikörpern und Kits für die Immunologie und Zellbiologie. Per SPAC(Special Purpose Acquisition Company)-Merger mit einer Gesamtbewertung von 1,25 Milliarden US-Dollar vollzieht auch der Diagnostics-Spezialist Prenetics, Hongkong, gleichzeitig die US-Listung und eine umfangreiche Kapitalerhöhung.

Im Diagnostics-Markt setzt Quidel mit der 6 Milliarden US-Dollar schweren Übernahme des In-vitro-Konkurrenten Ortho Clinical Diagnostics ein Ausrufezeichen und versucht sich etwas unabhängiger von den derzeitigen Umsatzboostern rund um Corona-Tests zu machen.

Größter Medtech-Deal mit Digital-Care-Schwerpunkt

Auch der größte klassische Medtech-Deal des Halbjahres weist einen Digital-Care-Schwerpunkt auf: Baxter International übernimmt für 10,3 Milliarden Euro das Unternehmen Hillrom, das nach der Akquisition von Welch-Allyn im Jahr 2015 auch für den Zukunftsbereich Connected Care steht, nachdem man früher überwiegend Low-Tech-Krankenhaus-Ausrüstung produziert und vermarktet hatte.

Zudem sind im klassischeren Medtech-Geschäft durchaus interessante, wenn auch etwas kleinere Transaktionen zu verzeichnen: Eine Investorengruppe unter Führung von TA Associates sichert sich für 2,3 Milliarden US-Dollar mehrheitlich die Medizinprodukte-Division der britischen Smiths Group, die u. a. für Pulsoximeter, IV-Katheter und medizinische Dosierpumpen steht.

Boston Scientific hält sein Akquisitionstempo aufrecht und verkündet die Übernahme der Baylis Medical Company für zunächst 1,75 Milliarden US-Dollar – eine Bewertung, die sich durch weitere Anpassungen noch verändern kann. Baylis hat sich auf medizintechnische Lösungen in der Kardiologie wie bspw. Ablationen und Mitralklappeneingriffe spezialisiert.

Medtronic vermeldet den 1,1 Milliarden US-Dollar schweren Erwerb der Intersect ENT, die innovative Medtech-Pharma-Lösungen für den HNO-Bereich entwickelt.

GE Healthcare gibt die Übernahme von BK Medical aus den Händen des Finanzinvestors Altaris Capital Partner für ca. 1,45 Milliarden US-Dollar bekannt und baut damit das bestehende Ultraschall-Geschäft in Richtung des stark wachsenden Marktes von Visualisierungslösungen für die (auch robotergestützte) Chirurgie aus. Die Transaktion folgte der Ankündigung von GE Healthcare, wie Siemens das Healthcare-Geschäft per Spin-Off zu verselbstständigen. Spin-Offs kündigten zuletzt auch Zimmer-Biomet für sein Dental- und Spine-Geschäft (Zimvie) sowie Johnson & Johnson für sein gesamtes Medizintechnik-Geschäft im Volumen von über 20 Milliarden US-Dollar Umsatz in den Bereichen Orthopädie, Chirurgie, Vision und Interventional Solutions an.

Auch Unternehmen, deren Produkte bislang weniger mit Health in Verbindung gebracht wurden, diversifizieren ihr Portfolio mittlerweile durch gezielte Health- und Medtech-Akquisitionen. So übernimmt Philip Morris für 1,1 Milliarden britische Pfund mehrheitlich den börsennotierten britischen Hersteller von Asthma-Inhaliergeräten Vectura.

Die Übernahme des schwedischen Laryngectomy-Spezialisten Atos Medical durch die dänische Coloplast-Gruppe für 2,2 Milliarden Euro führt auch eine rein europäische Transaktion unter die markanten Deals des Halbjahres. Atos konnte zuvor in den Händen des Finanzinvestors PAI Partners eine Reihe von Zukäufen realisieren, die das Geschäft inhaltlich und regional attraktiv abgerundet hatten.

D/A/CH-Region kaum von Transaktionsbegeisterung angesteckt

Die D/A/CH-Region ist auch zuletzt kaum von der Transaktionsbegeisterung angesteckt worden. Die reinen M&A-Zahlen sowie auch die Transaktionsgrößen dümpeln auf niedrigem Niveau dahin. Zu den auffälligeren Akquisitionen zählt mit dem Carve-Out des britischen McKesson-Geschäfts durch Finanzinvestor Aurelius eine, die eher am Rande dem Medizinprodukte-Segment zuzuordnen ist, aber immerhin ein Umsatzvolumen von 5 Milliarden Euro repräsentiert.

Die chinesische Micro-Port-Surgical-Gruppe sichert sich für 123 Millionen Euro mit der Aachener Hemovent ein erfolgreiches Start-up im Bereich der Notfallmedizin und den beteiligten VC-Financiers einen gelungenen Exit.

Klassische Nachfolgelösungen wie der Einstieg von Finanzinvestor Gilde bei Acti-Med oder der eines PE-Konsortiums bei Detax sind weiterhin dünn gesät. Die Detax-Transaktion steht neben Klingel-Ruetschi und Sandvik-Accuratech auch für fortgesetzte regelmäßige Transaktionen im Zuliefererbereich.

Eine weitere kleine Serie von Akquisitionen findet sich im Segment Wundversorgung: Hier übernimmt die Evonik Industries die bisherige Minderheitsbeteiligung Jenacell, die Viromed Plasma sichert sich die Terraplasma Medical und Harald Quandt steigt beim Spezialisten für Weichlagerung Funke Medical ein.

Im Gefolge seiner Bio-Telemetry-Übernahme plant Philips die Übernahme des französischen KI-Analytics-Spezialisten Cardiologs.

Ottobock plant Börsengang

Die Familiengesellschafter von Ottobock und der eine Minderheitsbeteiligung haltende Finanzinvestor EQT planen einen Börsengang des Prothesenspezialisten für 2022. Angesichts einer möglichen Gesamtbewertung des Unternehmens von gerüchteweise über 6 Milliarden Euro wäre dies einer der schwersten Medizintechnik-IPOs im Medtech-Sektor der letzten Jahre. Wesentliche Konkurrenten von Ottobock sind bereits seit längerem börsennotiert und haben damit Zugang zu Akquisitionskapital.

Das zweite Halbjahr brachte zwar insgesamt wenige, aber durchaus interessante Finanzierungsrunden im VC-Segment mit sich: Adjucor, ein auf kardiovaskuläre Medizintechnik spezialisiertes Start-up, warb 29 Millionen Euro ein. Eher dem Health-IT- bzw. KI-Umfeld zuzuordnen sind die Finanzierungsrunden des OP-SW-Spezialisten Caresyntax von über 108 Millionen Euro, der auf die Beratung zu Ernährungsgewohnheiten fokussierten Oviva von über 68 Millionen Euro und der Fruitcore Robotics von über 17 Millionen Euro.

MDR als Belastung für viele Mittelständler

Während Medizintechnik-Start-ups seit Jahren überwiegend deutlichen Aufwind spüren, stellt sich die Entwicklung für viele kleinere und mittlere Hersteller und Händler herausfordernd dar. Neben einer andauernden Covid-19-Pandemie, die einige Segmente der Medizintechnik nach wie vor hemmt, einem anhaltend starken Preisdruck den Einkaufsgemeinschaften ausüben und einer sich beschleunigenden Digitalisierung, die ganze Segmente grundlegend verändert, wirkt sich die seit Mai 2021 geltende EU-MDR nachhaltig als erhebliche Belastung für viele Mittelständler aus. Dem Bundesverband Medizintechnologie (BV-Med) zufolge haben über 70 Prozent der Mitglieder zumindest einzelne Medizinprodukte eingestellt oder leiden darunter, dass viele ihrer Lieferanten sich aus dem Markt zurückziehen. Pragmatische Ausnahmelösungen etwa für Nischenprodukte (orphan devices), wie sie verbreitet gefordert werden, könnten die regulatorische Belastung etwas mildern. Unabhängig davon müssen viele KMU für sich klären, wo mit Blick auf die einschneidenden Entwicklungen des Marktes mittelfristig strategisch aussichtsreiche Positionierungen liegen bzw. mit welchen Ressourcen diese angesteuert werden können. Jede Vorwärtsstrategie setzt dabei eine tragfähige Basis voraus, die z. B. durch das Eingehen von Partnerschaften mit finanziellen und strategischen Investoren herzustellen ist.

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* Der Autor: Dr. Christian Bridts ist Gründer und Geschäftsführer von Bridts Corporate Finance, München. Für Devicemed betrachtet er exklusiv zwei Mal pro Jahr deutschlandrelevante M&As auf dem Medtech-Markt.

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