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Freihandelsabkommen Spectaris sieht in TTIP Potenzial für die Medizintechnik-Branche

Redakteur: Hendrik Härter

Gegenseitige Anerkennung und höchstmögliche Patientensicherheit: Der Branchenverband Spectaris verspricht sich gerade von TTIP einen Wachstumsschub durch vereinfachte Zulassungen bei Medizinprodukten.

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Marcus Kuhlmann, Leiter des Fachverbandes Medizintechnik bei Spectaris sieht für die Medizintechnikbranche Wachstumschancen, wenn die USA und Europa sich gegenseitig anerkennen. TTIP gibt dazu eine Chance.
Marcus Kuhlmann, Leiter des Fachverbandes Medizintechnik bei Spectaris sieht für die Medizintechnikbranche Wachstumschancen, wenn die USA und Europa sich gegenseitig anerkennen. TTIP gibt dazu eine Chance.
(Spectaris)

Aktuell werden die Freihandelsabkommen TTIP und CETA von den Regierungen als auch von der Bevölkerung sehr kontrovers diskutiert. Auch die Medizintechnik-Brache verspricht sich mit dem Abkommen einen Wachstumsschub: „Das derzeit in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierte Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (TTIP) kann für die stark exportorientierte Medizintechnikbranche zusätzliche Wachstumspotenziale heben“, bekräftigt Marcus Kuhlmann, Leiter des Fachverbandes Medizintechnik bei Spectaris. Die Exportquote der größtenteils mittelständisch geprägten hiesigen Medizintechnikbranche liegt bei 68% des Umsatzes. Fast 18% der deutschen Ausfuhren gehen bereits heute in das wichtigste Zielland die USA. Allerdings stagniert der Absatz seit nunmehr einigen Jahren.

Normen, Standards und Zertifizierungen hemmen das Wachstum

Durch einen kompletten Verzicht auf Zölle, einem Bestandteil des Abkommens, könnte der Absatz zwar bereits geringfügig gesteigert werden. Hinderlicher als tarifäre Handelshemmnisse für zusätzliches Wachstum sind jedoch die sogenannten nichttarifären Handelshemmnisse wie unterschiedliche Normen, Standards und Zertifizierungen in der Medizintechnik. Insbesondere für kleinere Unternehmen führen diese zu hohen Kosten für die doppelten umfangreichen Zulassungsverfahren und erschweren damit den Marktzutritt oder verhindern diesen gar.

Ergänzendes zum Thema
Fragen an den Spectaris-Geschäftsführer Dr. Tobias Weiler

Wie sehen Sie als Interessensvertretung einer mittelständischen Wirtschaft die Tatsache, dass nur wenige Großkonzerne an den Verhandlungen teilnehmen können?

( Spectaris )
Die eigentlichen Verhandlungen finden zwar ausschließlich zwischen der EU-Kommission (vertreten durch die Generaldirektion Handel) und dem Office of the United States Trade Representative (USTR) statt. Wir sind jedoch der Meinung, dass die Kommission sehr wohl den Dialog sucht und am Feedback auch der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) interessiert ist. In diesem Sinne hat sie sogar eine spezifisch an KMU adressierte Umfrage ins Leben gerufen. Bereits jetzt ist bekannt, dass TTIP ein spezifisches Kapitel für KMU enthalten soll.

Spectaris und andere KMU-Verbände bringen natürlich ihre Positionen mit in die Diskussion ein. Derzeit läuft eine Abfrage unter den Mitgliedsunternehmen, um zu erörtern, wie die Unternehmen am besten von einem Freihandelsabkommen mit den USA profitieren können.

Eine andere Möglichkeit gehört zu werden, sind die parallel zu den Verhandlungsrunden stattfindenden „Stakeholder Events“. Dabei können Interessensgruppen ihre Ansicht zu TTIP den EU- und US-Unterhändlern direkt vortragen.

Inwieweit diese Positionen aufgenommen werden, ist dann natürlich Sache der Verhandelnden.

Kritisiert werden auch Klagen von Firmen gegenüber Staaten – sehen Sie da eine Gefahr vor allem für die Medizinbranche?

Sie beziehen sich sehr wahrscheinlich auf den Investitionsschutz, welcher als Bestandteil von TTIP angedacht ist. Dieser ist jedoch kein zentrales Anliegen der deutschen Medizintechnikbranche. Das Interesse liegt viel eher im Abbau von Handelshemmnissen. Mit TTIP erhoffen wir uns, dass einerseits Zölle abgebaut werden und anderseits unseren Mitgliedsunternehmen der Zugang zum US-Markt erleichtert wird, beispielsweise anhand der gegenseitigen Anerkennung der Zulassungsverfahren bei Medizinprodukten. Das würde die Unternehmen viel Zeit und Kosten sparen und somit insbesondere KMU zu Gute kommen, die weniger Ressourcen haben, um aufwendige Zulassungsverfahren zweimal zu durchlaufen.

Ziel ist eine gegenseitige Anerkennung

Im Gegensatz zum GKV-Spitzenverband, der sich durch TTIP eine Zulassungsverschärfung und stärkere Regulierung für die Medizintechnik und insoweit eine Harmonisierung der Zulassungsverfahren nach amerikanischem Vorbild erhofft, plädiert die deutsche Medizintechnikindustrie vielmehr für eine gegenseitige Anerkennung:

Eine Zulassung eines Medizinproduktes in Europa bewirkt automatisch eine Zulassung in den USA und umgekehrt („once approved, everywhere accepted“). Das vor dem Hintergrund, dass in puncto nachhaltiger Patientensicherheit und Verbraucherschutz, die für die deutschen Medizintechnikhersteller an oberster Stelle stehen, weder das amerikanische noch das europäische Zulassungssystem für Medizinprodukte dem jeweils anderen überlegen ist.

Ziel ist höchstmögliche Patientensicherheit

„Ziel von TTIP muss aus Sicht der Medizintechnikindustrie unter Wahrung der höchstmöglichen Patientensicherheit und des sehr hohen Qualitäts- und Verbraucherschutzniveaus auch der Erhalt und die Stärkung der Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der mittelständisch geprägten Medizintechnikbranche sein“, meint Kuhlmann. Das Freihandelsabkommen biete hierzu eine gute Chance, wenn auf gegenseitige Anerkennung gesetzt werde, die es zu nutzen gelte. „Dazu bedarf es eines transparenten und vor allem ergebnisoffenen, unvoreingenommenen Verhandlungsprozesses, den wir konstruktiv begleiten wollen“, sagt Kuhlmann abschließend.

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