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Mittel gegen drohende Insolvenz? Shoppen im Krankenhaus

Redakteur: Kathrin Schäfer

Bank, Body Shop und Burger King auf dem Klinikgelände? Was in England bereits Realität ist, könnte sich bald auch in Deutschland etablieren. Der Grund: Mit Einzelhandelskonzepten, wie man sie beispielsweise von Bahnhöfen kennt, würde sich die kritische Finanzlage deutscher Kliniken entspannen.

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Frankfurt Hauptbahnhof: Einzelhandelskonzepte, wie man sie von Bahnhöfen und Flughäfen kennt, könnten sich für deutsche Kliniken als Ausweg aus der finanziellen Misere erweisen.
Frankfurt Hauptbahnhof: Einzelhandelskonzepte, wie man sie von Bahnhöfen und Flughäfen kennt, könnten sich für deutsche Kliniken als Ausweg aus der finanziellen Misere erweisen.
(Bild: Reinhardt)

Lesestoff gegen Langeweile, ein Kaffee außerhalb des Krankenzimmers, ein Blumenstrauß für Patienten: Kiosk, Café und Blumenladen haben in deutschen Krankenhäusern durchaus Tradition. Die schwierige Finanzsituation deutscher Kliniken könnte jedoch dafür sorgen, dass dort bald auch Kinos, Drogerien, Spa-Einrichtungen oder Fitnessstudios Einzug halten.

Bank, Body Shop und Burger King – das Addenbrooke´s Hospital

Das Addenbrooke`s Krankenhaus in England macht es vor: Auf dessen Webseite erfährt man, dass sich neben mehreren Coffee Shops eine Bank, eine Drogeriekette, eine Fastfood-Kette und ein Reisebüro auf dem Klinikgelände befinden. Was der Patient womöglich als zusätzliches Serviceangebot empfindet, birgt für Kliniken wirtschaftliche Vorteile – und könnte demnach auch bald in Deutschland zur Realität werden: Denn laut der Strategie- und Innovationsberatung Arthur D. Little ist die wirtschaftliche Situation der Krankenhäuser und Klinken in Deutschland aufgrund der seit Jahren bestehenden Überkapazitäten und der sich weiter öffnenden Umsatz-Kosten-Schere kritisch. So drohe laut des im Sommer letzten Jahres erschienenen Krankenhaus-Rating-Reports des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) für 2015 jeder fünften Klinik die Insolvenz, da im Jahresdurchschnitt lediglich 77 Prozent der Betten belegt seien. Gemäß einer Untersuchung von Arthur D. Little könnten Einzelhandelskonzepte, wie man sie nicht nur von Bahnhöfen, sondern auch von Flughäfen kennt, in den kommenden Jahren ein Ausweg für deutsche Kliniken sein. Die zusätzlichen Umsätze könnten den Kliniken in ihrer angespannten Finanzsituation helfen.

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Kommerzielle Angebote locken Investoren an

Die Analyse von Arthur D. Little kommt zu dem Schluss, dass die Umsätze in deutschen Kliniken pro Fall weiter sinken werden und sich so die notorisch angespannte finanzielle Situation vieler Kliniken noch verschlimmern dürfte. Das Konzept, nicht nur Patienten mit Behandlungen einen Mehrwert zu schaffen, sondern auch dem Personal, akademischen Mitarbeitern, Anwohnern und Besuchern der Klinik kommerzielle Produkte und Dienstleistungen anzubieten, komme vielen Kliniken deshalb wie gerufen. Dabei könnten ein Friseur oder eine Reinigung für eine Klinik genauso interessant sein wie gastronomische Angebote, ein kleines Kino, Drogerien, Spa-Einrichtungen oder ein Fitnessstudio.

Für die Strategieberatung sprechen die Vorteile kommerzieller Angebote in Kliniken für sich: Zusätzliche Umsätze durch Einkäufe in neue geschaffenen Ladenlokalen durch Patienten, Personal, Besucher oder Anwohner erhöhen die Mieteinnahmen der Klinik. Zudem hätten solche Konzepte einen erstaunlichen Einfluss auf die Atmosphäre, was sich nicht zuletzt auf die Gesundheit der Patienten auswirke. Auch seien moderne Einzelhandelskonzepte besonders attraktiv für internationale Investorengruppen – was den Zugang zu Krediten vereinfache. Die geringe Investitionsfähigkeit sei insbesondere seit der gesunkenen Investitionsunterstützung durch die Länder zu einem dringenden Thema geworden.

Krankenhaus-Cities mit Hotels, Einkaufszentren und Werbeflächen

Als mögliches Vorbild führt Arthur D. Little zum einen britische Kliniken an: Sie hätten bereits vor fünf Jahren angefangen, das Flächenangebot innerhalb der Klinik für Gastronomie, Einzelhandel und Dienstleistungen kontinuierlich zu erweitern. Neben dem Addenbrooke`s Krankenhaus in Cambridge verweist die Strategieberatung auf ein Londoner Krankenhaus mit angeschlossenem Kino. Krankenhäuser, so das Fazit, wachsen so aus ihrer ursprünglichen Funktion des medizinischen Versorgers hinaus und entwickeln sich zum Dienstleister.

Derzeit im Bau befindliche Krankenhäuser in Schweden oder den USA wiederum planten große Flächen bereits heute vor Baubeginn gezielt für die kommerzielle Nutzung ein. „Von Anfang an werden dort Hotel, Einkaufszentrum, Konferenzräume und Werbeflächen mit in das Baukonzept integriert. Dies entspricht dann schon eher einer Krankenhaus-City“, sagt Dr. Thilo Kaltenbach von Arthur D. Little, der mit seinem Team bereits an diversen Konzepten beteiligt war.

Laut Arthur D. Little eignen sich diese Konzepte auch für viele deutsche Kliniken, um neue Umsätze zu generieren und gleichzeitig ein angenehmeres und anregendes Klinik-Umfeld zu schaffen. „Die Entwicklung hin zu vermehrten kommerziellen Angeboten in Kliniken beobachten wir derzeit auch am Koge Krankenhaus in Dänemark und am Florida Hospital“, so Kaltenbach. Er prognostiziert: „Neben dem belebenden Effekt können solche Angebote auch ein zentrales Element der Wertschöpfungskette der Klinik werden.“

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