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Medical Cluster / Swiss Medtech Day Schweizer Medizintechnik soll als Silicon Valley auf dem Mond landen

Autor / Redakteur: Kathrin Cuomo-Sachsse / Peter Reinhardt

Rund 160 Teilnehmer diskutierten auf dem ersten Swiss Medtech Day über die immer schwierigeren regulatorischen Rahmenbedingungen, ließen sich aber nichtsdestotrotz von positiver Aufbruchstimmung inspirieren. Bundesrat Johann Schneider-Ammann versprach Unterstützung, damit die eidgenössische Medizintechnik das „beste Angebot“ bleibe.

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Fazit von Peter Biedermann (re.), Geschäftsführer des Medical Clusters: „Der Swiss Medtech Day hat das Potenzial, eine große Klammer um die ganze Industrie zu bilden.“
Fazit von Peter Biedermann (re.), Geschäftsführer des Medical Clusters: „Der Swiss Medtech Day hat das Potenzial, eine große Klammer um die ganze Industrie zu bilden.“
(Sherwin Asadi)

Mit 52.000 Vollzeitstellen, rund 1.450 Betrieben, einem Anteil von 2,3 Prozent am BIP und 5,2 Prozent an den gesamten Exporten leisten Schweizer Medizintechnikhersteller einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand des Landes. „Sie haben einen großen Anteil am Ruf der Schweiz als Hightech-Land, als Innovationsweltmeister und als exzellente Forschungs- und Wissenschaftsnation. Ich werde alles daran setzen, dass das Land das beste Angebot bleibt, um hier Geschäfte zu machen, zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen“, versicherte Bundesrat Schneider-Ammann den Teilnehmern am Vorabend des ersten Swiss Medtech Days am 16. und 17. Juni 2015 in Bern.

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Mit Innovationen die Frankenstärke bekämpfen

Für den „ökonomischen Klimawandel“, von dem vor allem die export-orientierte Schweizer Medtech-Industrie stark betroffen ist, nannte der Schweizer Wirtschaftsminister die Frankenstärke und die europapolitische Unsicherheit als wesentliche Treiber. Der Ausweg aus der heutigen Situation führe über Innovationen und die Rahmenbedingungen. Bei Ersterem könne der Bund die Branche mit drei Instrumenten unterstützen: über die KTI (Kommission für Technologie und Innovation), die Empa (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) und mit der Schaffung von Innovationsparks, einer schweizerischen Version des Silicon Valley. „Nehmen Sie diese Angebote wahr“, forderte Schneider-Ammann die Teilnehmer auf.

Ausgaben für Forschung und Entwicklung von den Steuern absetzen

Um die politischen Rahmenbedingungen zu verbessern, setzt Schneider-Ammann bei der Bürokratie, den Steuern und Europa an. Ziel der Politik müsse es sein, Regulierungen unternehmerfreundlich zu machen. Dazu seien ein Mentalitätswandel und konkrete Taten gefragt. Bei der Unternehmenssteuerreform gelte es, die Firmen zu entlasten. So können ja im künftigen System die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von den Steuern abgesetzt werden.

Anschluss an Horizon 2020 finden

Am meisten Sorge bereitet Schneider-Ammann das Verhältnis der Schweiz zu Europa, das mit der Annahme der Zuwanderungsinitiative in Frage gestellt sei. Hier gehe es nicht nur um den Nachzug benötigter Fachkräfte, sondern auch um den Anschluss an das europäische Forschungsprogramm Horizon 2020. „Wenn wir bis Ende nächsten Jahres keine Lösung zur Personenfreizügigkeit gefunden haben, wird die Schweiz zum Drittstaat, was verheerende Folgen für den Forschungs- und Arbeitsplatz Schweiz hätte“, so der Bundesrat.

Laut Rubino Mordasini, Präsident von Medical Cluster, „müssen sich die Medtech-Unternehmen seit rund zehn Jahren auf ein ständig änderndes Marktumfeld einstellen – angefangen beim immer stärkeren Schweizer Franken über den Preisdruck bis zu den wachsenden Regulierungen.“ Trotzdem sei in der Schweiz keine Deindustrialisierung feststellbar, meinte der Gastgeber des Swiss Medtech Day.

Den Transfer von Talenten weiter fördern

Dies beweist beispielsweise Johnson & Johnson. Die Medizintechnik ist eines von drei Standbeinen des Großkonzerns. J&J beschäftigt alleine in der Schweiz allein rund 3.500 Mitarbeiter an acht Produktionsstandorten. Christoph Eigenmann, Director EMEA Spine Marketing bei De-Puy Synthes, bezeichnet die Schweiz mit seinen hochklassigen Universitäten und seinem ausgeprägten Netzwerken „als Nährboden für Innovation“: Weitere wichtige Voraussetzungen seien der Patentschutz, die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, der Aufbau von Innovations-Zentren und vor allem die Förderung von Nachwuchskräften mit dem freien Transfer von beziehungsweise Zugang zu Talenten aus dem Ausland. Hier müsse sich die Schweiz gegenüber Europa mehr öffnen, forderte Eigenmann.

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Auch Claude Clément, CTO des Wyss Center für Bio und Neuro Engineering in Genf, plädiert für den Innovationsstandort Schweiz. Er schilderte anhand von Beispielen die Anfänge und Errungenschaften der Schweizer Medtech. Vom Hydrocephalus-Ventil bis zum Herzschrittmacher hat sie vielerorts ihre Wurzeln in der von Hugenotten mitbegründeten Uhrenindustrie. Beispielsweise basiert die Medikamenten-Pumpe auf der Swatch-Technologie. Auch stellt die Schweizer Medizintechnik Pioniere auf dem Gebiet der Mikrosystemtechnik (MEMS).

Medtech-Landung auf dem Mond

Laut Clément sind Automatisation und Swiss Made neben vielen anderen Gründen zwei Schweizer Prädikate, die für höchste Qualität bürgen und den Standort attraktiv machen. „Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dank der Kombination von Technologien selbst mit kleinen Volumen erfolgreich zu sein. Und in der Schweiz gibt es noch Platz für mehr Success Stories“, erklärte er. Als Summe vieler Nischenmärkte böte die Medizintechnik vorwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) Entfaltungsraum. Trotz aller Vorteile sei es jedoch durchaus schwierig, Geschäfte zu machen. Oft fehle das Geld – vor allem für Start-ups – und die Zeit für Entwicklungen. Doch sogar Barrieren wie die vielen regulatorischen Auflagen generierten neue Möglichkeiten. „Wir müssen den Jungen in der Schweiz vermitteln, dass die Medizintechnik hochinnovativ und vielfältig ist und Traumjobs bietet. Dabei gilt es, noch kreativer zu werden und neue Ideen zu entwickeln, um uns von den Anderen abzuheben. Schließlich wollen wir eine Medtech-Landung auf dem Mond machen.“

Für Marcel Aeschlimann von Creaholic ist die Schweizer Medtech-Industrie bereits als erste auf dem Mond gelandet. Nicht mehr innovativ zu sein, sei daher tödlich. Andererseits könnten die Innovationsbemühungen vor allem für Start-ups noch vor Erreichen des Break Evens im so genannte Valley of Death enden“, erklärte er ein Paradoxon. Für ihn sind daher nicht Benchmarks die Messlatte. Vielmehr sollten Unternehmen ausschließlich nach dem Besten streben.

Wird die Schweizer Medizintechnik bald wie die Pharmaindustrie reguliert?

Karoline Mathys Badertscher, Leiterin Bereich Marktüberwachung des Schweizer Heilmittelinstituts Swissmedic, zog auf dem Swiss Medtech Day Parallelen zur Pharmaindustrie, wo nationale Zulassungen bereits seit 100 Jahren erfolgen, aber mittlerweile eindeutig überreguliert seien. „Zwar wird die Medizintechnik beim Marktzugang erst seit 20 Jahren überwacht und noch spielen die Behörden eine geringere Rolle“, erklärte sie, „doch wurden die Kontrollen vor allem seit dem PIP-Brustimplantate-Skandal verstärkt.“ Unter anderem werde mit der verschärften Überwachung der Konformitätsbewertungsstellen laut Mathys das System gestärkt, was sich zugunsten des Patientenwohls auswirke.

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Regulatory Affairs als Business Enabler

Die Frage ist, ob Medtech-Firmen den wachsenden Compliance-Druck zu ihrem Vorteil nutzen können? Axel Maltzen Chief Production Officer Medartis, und Burkhard Zimmermann, Chief Quality Officer von Hocoma, ermunterten die Teilnehmer, die regulatorischen Anforderungen in ihre strategischen Planungen und auch in die Innovationsprozesse einzubeziehen. Beide empfahlen, die technische Dokumentation und die Daten aus den klinischen Studien auch zu Marketingzwecken bereitzuhalten beziehungsweise sie aktiv zu nutzen.

Die seit 168 Jahren weltweit in der Optik und Optoelektronik tätige Carl Zeiss Meditec lebt genau das vor. Hier kümmert sich ein rund 60-köpfiges Team um Global Regulatory Affairs (RA). Für den Verantwortlichen, Christian Münster, ist RA „nicht auf seinen Kernbereich zu begrenzen, sondern vielmehr als Business Enabler und Integrator zu betrachten“. RA sei eine Disziplin, die alles zusammenhält: von R&D über Product Management bis zu Marketing & Sales.

Allianzen mit den Großen schmieden

Um sich im „regulatorischen Dschungel“ zurechtzufinden, können gerade kleinere Firmen von der Arbeit von Verbänden und Organisationen wie Fasmed und dem Medical Cluster profitieren. Viele sind auch auf Kooperation mit den Großen angewiesen. Allianzpartner können mit ihrem breiten Produkt- und Fach-Know-how sowie ihren globalen Netzwerken bei der Umsetzung neuer Technologien, bei der Erlangung von Produktlizenzen sowie beim Marktzugang und Vertrieb weiter helfen. Internationale Gesundheits-Dienstleister wie J&J und Roche sind hierfür offen. Umgekehrt können „skalierbare Allianzen“, in die KMU eingebunden werden, die Agilität der Global Player erhöhen.

Medtech-Firmen müssen sich für E-Health rüsten

Medtech-Firmen müssen sich nicht zuletzt vermehrt für eine Zukunft mit E-Health rüsten. Immerhin hat kürzlich das Schweizer Parlament ein Bundesgesetz über elektronische Patientendossiers verabschiedet. In einem Workshop erfuhren die Teilnehmer, dass Infrastruktur für E-Health im Sinne des besagten Gesetzes nicht als Medizinprodukt gelte. „Deshalb brauchen Geräte-Hersteller kaum neue Regulierungen zu fürchten“, erklärte Hansjörg Riedwyl, CEO der ISS. Dennoch sei dieses Thema ernst zu nehmen: Nicht nur werde die Vernetzung von Medical Devices immer wichtiger, sondern könne die Integration der Geräte in E-Health-Umgebungen auch zum interessanten Servicegeschäft werden.

Swiss Medtech Day als Klammer für die Industrie

Fazit der Veranstalter: Der erste Swiss Medtech Day wurde rege als Austausch-Plattform genutzt, erhielt äußerst positives Feedback und soll künftig jährlich stattfinden: „Viele sind sich endgültig bewusst, dass die Industrie in eine neue Entwicklungsphase eingetreten ist und nun neue Herausforderungen anstehen, die wir nur gemeinsam lösen können. Dieser Anlass hat das Potenzial, die große Klammer um die ganze Industrie zu bilden“, erklärt Peter Biedermann, Geschäftsführer des Medical Clusters.

Autorin: Kathrin Cuomo-Sachsse, Fasmed-Kommunikation

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