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Nachhaltigkeit Medizintechnik und Nachhaltigkeit – wie funktioniert das?

Von Sophia Wenzel*

Nachhaltigkeit rückt in den Fokus und wird zum Leitprinzip der Politik. Immer mehr Branchen folgen diesem Trend. Aber wie ist das in der Medizintechnik? Schließlich können Produktveränderungen unmittelbar Auswirkungen auf die Gesundheit des Patienten haben. Welche Modelle und Verfahren gibt es heute schon? Kann die Sicherheit gewährleistet werden?

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Nachhaltigkeit wird auch in der Medizintechnik immer mehr zum Thema. Die Medtec Live with T4M bietet diesem Thema im Frühjahr eine Bühne. (Symbolbild)
Nachhaltigkeit wird auch in der Medizintechnik immer mehr zum Thema. Die Medtec Live with T4M bietet diesem Thema im Frühjahr eine Bühne. (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Nachhaltigkeit bedeutet, Gewinne umwelt- und sozialverträglich zu erwirtschaften und kann kurz auch mit „Enkelfähigkeit“ übersetzt werden. Solche Ansätze sieht man immer häufiger, egal ob im Supermarkt oder in der Mobilität: Klima und Umwelt zu schützen und damit auch die Gesundheit der Menschen werden von Tag zu Tag wichtiger. „Nachhaltigkeit ist das Thema, das die ganze Wertschöpfungskette betrifft und immer wichtiger wird. Deshalb ist es uns ein Anliegen, mit der Medtec Live with T4M eine Plattform zu bieten, in der Wege und Lösungen für Nachhaltigkeit in der Medizintechnik präsentiert und diskutiert werden können“, erklärt Christopher Boss, Leiter der Medtec Live with T4M und Executive Director Exhibitions der Nürnberg Messe GmbH. Noch ist die Branche hinterher, hat aber in Sachen Nachhaltigkeit riesige Potenziale. Einige Unternehmen wollen das Thema aktiv angreifen und versuchen bereits, Ideen umzusetzen. Andere sehen noch wenig Relevanz. Dazu kommt, dass die Anforderungen an Medizintechnik-Produkte sehr hoch sind und die Integration von Nachhaltigkeit in Arbeitsalltag und Produktion erschweren.

Die Rolle von Nachhaltigkeit

Katia Pacella, Projektbeauftragte für das zirkuläre Gesundheitswesen von Healthcare Without Harm (HCWH), erläutert, was qualitativ hochwertige Versorgung auf ökologische, soziale und nachhaltige Art und Weise ermöglicht: „Die Gesundheit der Patienten wird direkt sichergestellt und die Gesundheit der Gemeinschaft durch einen gesünderen Planeten unterstützt.“ Zu Nachhaltigkeit gehören neben Umweltschutz noch weitere Aspekte: „Es geht dabei um die öffentliche Gesundheit, den Schutz der natürlichen Ressourcen, die Festlegung sicherer Umweltgrenzen und die Kreislaufwirtschaft bei der Herstellung von Materialien. Die menschliche Gesundheit kann nur geschützt werden, wenn auch die Gesundheit des Planeten geschützt wird“, fasst Pacella zusammen.

Allerdings habe eine Neukonzeption bereits zugelassener Medizintechnikprodukte eine Rezertifizierung zur Folge, die hohe Kosten und viel Zeit in Anspruch nimmt – für Hersteller auf den ersten Blick wenig attraktiv. Sven Dasbach, Business Development Manager bei der Sanner GmbH, bringt an, dass sich das Mindset der Endverbraucher ändern müsse, damit sich der Markt anpasse. Solang der wirtschaftliche und gesellschaftliche Druck fehle, hätten Hersteller keinen Grund, etwas zu ändern. Im Maschinenbau ist das bereits häufiger so: Axel Bartmann, Abteilungsleiter Marketing und Unternehmenskommunikation der Manz AG, die auch die Medizintechnikbranche bedient, sieht, wie stark sich die freie Wirtschaft verändert hat: „Vieles, was Nachhaltigkeit betrifft, entsteht aus Eigenverantwortung. Dennoch gibt auch der Markt viel vor: Wenn mehr Kunden auf solche Eigenschaften Wert legen, steigt der Druck.“ Viele große Unternehmen bauen Nachhaltigkeit bereits in ihr Konzept ein, doch das Thema steckt in der Medizintechnik noch in den Kinderschuhen.

Herausforderung und Potenzial Kunststoff

Medizintechnik umfasst viele Technologien und Produkte aus dem Medizinalltag, angefangen bei Einmalhandschuhen und Schläuchen reicht es bis hin zu großen CT-Geräten. Kunststoff ist dabei ein Material, das bei der Herstellung häufig verwendet wird. Der Einsatz von Kunststoffprodukten ist eine Herausforderung, wenn es um Nachhaltigkeit geht. „Das ist ein wichtiges Thema, das in den letzten Jahren mehr und mehr in den Fokus kam, weshalb wir uns in der Polymerforschung verstärkt damit beschäftigen“, bewertet Dr. Christoph Herfurth, Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP, die aktuelle Situation. Nachhaltigkeit fange bei den Rohstoffen, deren Herkunft und Herstellung an, gehe weiter mit den Emissionen und dem Produktdesign und schließe auch die Verwertung und die gesamte Supply-Chain ein, erklärt Dasbach.

Viele Angriffspunkte liegen dort, wo Kunststoffe verwendet werden, die aus Polyurethanen bestehen, beispielsweise in Schläuchen für die Medizintechnik. Für deren Herstellung werden u. a. Isocyanate verwendet, die toxisch sind und Allergien wie z. B. Asthma auslösen können: „Mit unserer neuen Synthese können wir auf die toxischen Isocyanate verzichten und somit sichere Produktionsprozesse ermöglichen. Auch ist das so produzierte Polyurethan als biokompatibel zertifizierbar“, fasst Herfurth zusammen. Bei der Herstellung des Kunststoffs wird außerdem CO2 statt Erdöl als Kohlenstoffquelle genutzt. Doppelt nachhaltig also.

So funktioniert Nachhaltigkeit

Wie kann Nachhaltigkeit ohne Einbußen der Materialeigenschaften umgesetzt werden? Als Vorbild fungiert die Natur und ihre Kreislaufmodelle: Verwendete Rohstoffe chemisch zu zerlegen, anschließend zu recyceln und der Herstellung wieder herbeizuführen, das ist ein Weg, zu mehr Nachhaltigkeit. Herfurth sieht in Kreislaufmodellen ebenfalls einen Schlüssel: „Durch die entwickelte Synthese für Polyurethane wird der Kohlenstoff im Kreislauf geführt und weniger klimaschädliches CO2 gelangt in die Atmosphäre.“ Diesem Ansatz folgen auch bereits einige Unternehmen, indem sie Anlagen bauen, die spezielle Kunststoffe zerlegen und direkt wieder in die Herstellung einfließen lassen.

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Ein weiterer wichtiger Punkt für mehr Nachhaltigkeit ist das Optimieren von Prozessen. Dem stimmt auch Bartmann zu: „Da spielt auch Digitalisierung eine große Rolle, vor allem in der Produktion und Warenbeschaffung. Da gibt es noch große Hebel und Luft nach oben.“

Aktuell wird häufig ein globaler Ansatz für Nachhaltigkeit gewählt, bei dem Unternehmen versuchen, an vielen Stellen jeweils ein wenig Ressourcen einzusparen. „Das betrifft dann nicht das Produkt selbst, sondern mehr die Herstellung und die gesamten Prozesse. Die Produkte sind nicht die einzige Schraube, an der man drehen kann. Sanner, Spezialist für pharmazeutische Verpackungen, produziert z. B. den größten Teil der gebrauchten Energie selbst und konnte die CO2-Emissionen am Standort Bensheim signifikant reduzieren“, beschreibt Dasbach.

„Generell wird diesem wichtigen Thema aktuell in der Medizintechnik noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das wollen wir ändern und bei der Medtec Live with T4M mit Ausstellern und Besuchern diskutieren. Hierzu wird es im Programm eine eigene Session zu diesem Thema geben“, fasst Boss zusammen. Die Medtec Live with T4M findet in diesem Jahr vom 3. bis 5. Mai in Stuttgart statt.

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* Sophia Wenzel ist Junior-Consultant bei TBN Public Relations.

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