Techtextil 2017

Medizintechnik-Textilien: das Kreuzband rundgeflochten, die Bandscheibe gewebt ...

| Autor / Redakteur: / Kathrin Schäfer

Dieses textile Kreuzband besteht aus einem umflochtenen LSR-Formkörper mit einem Flechtwinkel von 60 Grad.
Dieses textile Kreuzband besteht aus einem umflochtenen LSR-Formkörper mit einem Flechtwinkel von 60 Grad. (Bild: ITA/RWTH)

Im Dialog mit Medizinern bringt die Textilbranche zunehmend Innovationen hervor. Textile Implantate oder smarte Textilien können therapeutisch eingesetzt werden.

  • Knapp 400 Techtextil-Aussteller bedienen die Medizintechnik
  • Implantate und Prothesen auf Textilbasis
  • Smarte Textilien für die Reha- und Medizintechnik
  • Textile EEG-Patientenkappen
  • Antimikrobielle Textilbeschichtungen
  • Biorsorbierbare Vliesstoffe

Textile Werkstoffklassen wie intelligente Fasern unterstützen die Produktentwicklung ebenso wie bioabbaubare Fasern oder – mit Blick auf textile Prothetik – entsprechend adaptierte Flächenbildungsverfahren zur Herstellung von Implantaten. So sind neuartige 3D-Textilstrukturen, wie sie von RWTH-Textilforschern und -Wiederherstellungschirurgen aus Aachen erdacht und umgesetzt wurden, rund um künstliche Bandscheiben, Gefäße oder Bänder eine Steilvorlage für mittelständische Medizintechnikhersteller.

Textile Prothetik ist längst keine Zukunftsmusik mehr

Beispiel dafür gibt eine biomimetrisch – also: der menschlichen Natur nachempfundene – 3D-geflochtete Textilstruktur um eine LSR (Flüssigsilikonkautschuk)-Komponente, die sich nach Ruptur des vorderen Kreuzbandes als künstlicher Ersatz empfiehlt. Weil solche Knieschäden auch jenseits des Leistungssports zunehmen, ist es Ziel der Forscher, ein Kreuzband mit angepasstem Spannungs-Dehnungs-Verhalten und einer, verglichen mit kommerziellen Produkten, verbesserten Dauerfestigkeit zu entwickeln.

Dass eines Tages LSR-Formkörper seriell auf Horizontal-Rundflechtmaschinen hergestellt werden, ist zwar ebenso noch Zukunftsmusik wie die Produktion künstlicher Bandscheiben auf Schützenbandwebmaschinen. Doch noch vor wenigen Jahrzehnten standen auch auf Patienten angepasste künstliche Blutgefäße in den Sternen – hergestellt mit hochmoderner Textiltechnik. Rund um solche künstlichen Blutgefäße und Stentgrafts sind Medizintechnikunternehmen wie das in Hechingen ansässige Jotec innerhalb weniger Jahre zu Playern mit 300 Mitarbeitern herangewachsen.

Smarte Textilien integrieren Elektronik

Auch Smart Textiles als Fäden und Textilflächen, die leiten, wärmen, sensorieren oder alarmieren, lassen Entwickler von Reha- und Medizintechnik aufhorchen. Nach beträchtlichem Entwicklungsvorlauf seit Kurzem auf dem Markt und erst in wenigen marktfähigen Erzeugnissen wie einem Knie- oder Ellenbogenband zur Schmerzprophylaxe oder einem Therapiehandschuh für Schlaganfallpatienten im Einsatz, verspricht Textilintelligenz per Elektronik erstaunliche Anwendervorteile.

Ingeborg Neumann, Präsidentin des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie, ist überzeugt. „Smart Textiles mit der Integration von Technik und Elektronik in Textil eröffnen ganz neue Märkte.“ Bekleidung wird mit smarten Textilen im Wortsinn instrumentalisiert; erfasst Vitalparameter, meldet Stürze oder andere Notfälle dem Arzt oder gleich der Rettungsstelle; Socken mit intelligenten Fasern und faserbasierten Sensoren helfen Diabetikern; künstliche Muskeln auf textiler Grundlage zum Kraftverlustausgleich von schwachen Patienten oder gebrechlichen Menschen sind nicht mehr fern. An der Pflege 4.0 mit Inkontinenzunterlagen, die sich „melden“, wird inzwischen vom österreichischen Start-up Texible konkret gearbeitet. Generell, so Texible-Geschäftsführer Thomas Fröis, könne Textilintelligenz das Wohlbefinden der Nutzer sowie Pflegeabläufe verbessern helfen.

Knapp 400 Techtextil-Aussteller bedienen die Medizintechnik

Für Menschen mit motorischen Einschränkungen sowie für Rad- oder Rollstuhlfahrer bereitet die Strickmanufaktur Zella mit dem IMMS Institut für Mikroelektronik- und Mechatronik-Systeme gerade den Serienstart für ein Smart Jacket mit integrierter drahtloser, textiler Tastatur vor. Zum Bedienen von Geräten, Öffnen von Türen oder zur Steuerung des Handys reicht es, gestrickte Taster auf der Bekleidungsaußenseite zu drücken. Das Jacket basiert auf dem patentgeschützten Knitty-fi-Wirkprinzip.

Ergänzendes zum Thema
 
Antimikrobielle Textilbeschichtungen und bioresorbierbare Vliesstoffe
Vor allem im Krankenhaus schützen Fasern in Form antimikrobieller Textilbeschichtungen von Matratzen, OP-Wäsche oder Bezügen vor Viren und Bakterien.

Smart Textiles als neue Shooting-Stars für den Medtech-Bereich werden auch auf der Techtextil vom 9. bis 12. Mai vorgestellt. Messeleiter Michael Jänecke ist optimistisch, dass die Zahl der Aussteller mit medizintechnischen Angeboten von 380 auf der vorhergehenden Messe in 2015 auf der diesjährigen Veranstaltung übertroffen werden wird.

Eine textile EEG-Patientenkappe hilft nach Schlaganfällen

Einer der Aussteller ist das Textilforschungsinstitut Thüringen-Vogtland (TITV) mit dem Produktionspartner Imbut. Beide Einrichtungen sind mit der Entwicklung und Fertigung einer EEG-Patientenkappe Partner von EBS Technologies. Dieses Medizintechnik-Unternehmen wiederum bietet seit über zwei Jahren ein nicht-invasives und auf den Einzelfall angepasstes Stimulationsverfahren im Kampf gegen Gesichtsfeldausfall an.

Solche Schädigungen in Folge des grünen Stars, eines Schädel-Hirn-Traumas oder eines Schlaganfalls können durch schwache Stromimpulse auf die betroffenen Nervenzellen verlangsamt, in manchen Fällen – wie EBS-Geschäftsführer Ulf Pommerening sagt – auch wieder verbessert werden. Eine erste Erfolgsstudie konnte eine Verbesserung des Gesichtsfelds von durchschnittlich 24 Prozent belegen. Bei der zehntägigen, schmerzfreien Therapie werden aus der textilen Kappe heraus sanfte Stromimpulse oberhalb und unterhalb der Augen auf die Netzhaut geleitet. Durch die gezielten rhythmischen Stromreize wird der Stoffwechsel der Nervenzellen angeregt, was vor weiterer Degeneration schützt und die Wiederherstellung von Nervengewebe fördert. Auf diese Weise werden erkrankte Nervenzellen der Netzhaut so aktiviert, dass sie Lichtreize des Auges wieder verstärkt an das Gehirn weitergeben.

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