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Bridts Corporate Finance M&A-Aktivität stark von Corona geprägt – Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik (Teil 13): M&A im 1. Halbjahr 2020

| Autor / Redakteur: Dr. Christian Bridts* / Julia Engelke

Auch vor den M&A-Aktivitäten in der Medizintechnikbranche im ersten Halbjahr 2020 hat der Coronavirus nicht Halt gemacht. Es gibt Gewinner sowie Verlierer und besondere Entwicklungen, die teils initiiert, teils verstärkt oder wieder ins Scheinwerferlicht gerückt wurden.

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Der Handschlag in Corona-Zeiten: Auch vor den M&A-Aktivitäten in der Medizintechnikbranche im ersten Halbjahr 2020 hat der Coronavirus nicht Halt gemacht.
Der Handschlag in Corona-Zeiten: Auch vor den M&A-Aktivitäten in der Medizintechnikbranche im ersten Halbjahr 2020 hat der Coronavirus nicht Halt gemacht.
(Bild: ©kamonwan - stock.adobe.com)

Das erste Halbjahr 2020 zeigt im Bereich der Medizintechnik eine ganze Reihe besonderer Entwicklungen auf, die in unterschiedlicher Weise durch den Coronavirus teils initiiert, teils verstärkt oder als bereits bekannte Herausforderungen wieder ins Scheinwerferlicht gerückt wurden.

Zu den letzteren zählen die über die letzten Jahre aufgebauten erheblichen Schwächen in internationalen Supply Chains. Hier hat spätestens Corona verdeutlicht, dass zugunsten von immer weiter getriebenen Kostenoptimierungen betriebswirtschaftlich gleichermaßen wichtige Risikoaspekte vermehrt in den Hintergrund getreten sind. Die so entstandenen Strukturen waren teilweise bereits bezüglich lokaler Einschläge (Fukushima, Tsunami etc.) nicht wirklich krisenfest und waren es noch weniger gegenüber einer globalen systemischen Krise, wie sie durch Covid-19 ausgelöst wurde. Zu erwarten ist, dass diesbezüglich post-Corona nicht einfach zum Tagesgeschäft übergegangen werden kann, sondern neue Sicherungsebenen eingebaut werden müssen, die dem Standort EU wieder eine größere Bedeutung beimessen. Dies dürfte sich nicht zuletzt auch auf die M&A-Aktivität der nächsten Jahre auswirken.

Sehr unmittelbare Auswirkungen auf die Medtech-Branche zeigen bereits die Initiativen vieler Staaten, zur Sicherstellung der Versorgung mit wesentlichen Medtech- (Intensivmedizin) und Medizinprodukten die Errichtung neuer Produktionskapazitäten zu initiieren und u.a. bisher branchenfremde Unternehmen mit der Herstellung solcher Mangelprodukte zu beauftragen. Nur beispielhaft für viele seien die Aktivitäten der französischen und US-amerikanischen Regierungen genannt:

  • In Frankreich produziert ein Konsortium aus Air Liquide und den Automobilunternehmen Groupe PSA und Valeo sowie dem Elektronikkonzern Schneider Electric zunächst 10.000 Beatmungsgeräte von Air Liquide Medical Systems.
  • In den USA erhält Autobauer General Motors von der FDA die Erlaubnis und den staatlichen Auftrag, Beatmungsgeräte zu fertigen.
  • Auch ohne staatlichen Auftrag haben sich hierzulande einige ursprünglich branchenfremde Adressen in die Produktion von medizinischen Mangelprodukten bewegt, wie Bosch (Schnelltest für Coronavirus) oder Zettl und Trigema stellvertretend für viele im Bereich Schutzausrüstung (Mundschutz).

Abzuwarten ist, inwieweit einige dieser neuen Wettbewerber nachhaltig Gefallen an diesem Geschäft finden und der Branche verbunden bleiben und welche Auswirkungen dies auf die bisherigen Hersteller dieser Produkte wie bspw. Dräger im Bereich der Beatmungsgeräte haben wird.

Corona: negative Einflüsse auf den Geschäftsverlauf

Während in einigen Segmenten (Beatmung, Diagnostics, Bildgebung, Intensivbetten, Schutzausrüstung) die Produktion nicht mehr der sprunghaft gestiegenen Nachfrage folgen konnten, und die Laborkapazitäten überlastet waren, gab es weltweit größere Bereiche der Medizintechnik, die insbesondere bedingt durch die erforderlichen Kontaktbeschränkungen und die veränderten Prioritäten und kapazitätssichernden Maßnahmen der Krankenhäuser und Arztpraxen seit Covid-19 teils deutliche Nachfrageeinbußen hinnehmen mussten, so z.B. Dentaltechnik, Chirurgie, Orthopädie/Implantatchirurgie und Kardiologie. Gerade diese Segmente standen in den letzten Jahren weltweit im Vordergrund der M&A-Aktivität im klassischen Medtech-Umfeld. Der diesjährige Einbruch in den Transaktionszahlen ist insoweit leicht nachvollziehbar.

Durchbruch für Telemedizin durch Corona

Wo bislang durchaus grundsätzliche Diskussionen über geeignete Einsatzgebiete, Sinnhaftigkeit und Datenschutzaspekte von telemedizinischen Ansätzen geführt wurden, scheint es, dass Covid-19 viele frühere Barrieren weggefegt hat. Während die Krankenhäuser bereits größere Schritte im Einsatz der Telemedizin bspw. im OP gegangen waren, haben sich in den wesentlichen großen Medtech-Märkten nun auch die Versorgungsträger für innovative E-Health-Konzepte, darunter den umfänglichen Einsatz der Videosprechstunde, geöffnet. In Deutschland ist das DVG die Grundlage für einen weiteren Schritt in diese Richtung, darüber hinaus werden Innovationen wie das E-Rezept beschleunigt. Es ist absehbar, dass die fortschreitende Vernetzung der Versorgung und der Anreiz, sich hier als Marktteilnehmer ausreichend zu positionieren, weiterhin zu reger M&A-Aktivität einlädt.

Weiterer Durchbruch für Mobile & Digital Health Solutions durch Corona

Neben der Telemedizin hat Covid-19 auch der Verwendung mobiler digitaler Lösungen einen großen Anschub gegeben. Bis noch vor kurzem unter Datenschutzaspekten schwerlich vorstellbar, haben Deutschland (mit SAP und Deutscher Telekom) und andere Staaten (USA mit Apple und Google) in Zusammenarbeit mit großen SW-Konzernen Tracking Apps produziert und mit großer werblicher Unterstützung in den Markt gedrückt, die einen erheblichen Beitrag zur Erkennung und Bekämpfung von Infektionsketten leisten sollen. Darüber hinaus werden bereits weitere Ideen wie Immunitätspässe und Quarantäneüberwachungs-Apps diskutiert.

Dr. Christian Bridts ist Gründer und Geschäftsführer von Bridts Corporate Finance, München. Für Devicemed betrachtet er exklusiv zwei Mal pro Jahr deutschlandrelevante M&As auf dem Medtech-Markt.
Dr. Christian Bridts ist Gründer und Geschäftsführer von Bridts Corporate Finance, München. Für Devicemed betrachtet er exklusiv zwei Mal pro Jahr deutschlandrelevante M&As auf dem Medtech-Markt.
(Bild: Bridts Corporate Finance)

Auf dem Rücken der Digitalisierung bauen die GAAMF ihre Position aus

Der große Durchbruch der genannten digitalen Ansätze verstärkt weiter einen seit Jahren zu beobachtenden Basistrend: Die weltweite Medizintechnik-Branche wird noch mehr und noch schneller von den großen zumeist US-amerikanischen (GAAMF) und künftig auch chinesischen Technologiekonzernen (Alibaba etc.) transformiert. Dies in einer Branche, die bereits heute weltweit von US-Gruppen beherrscht und weiter konsolidiert wird (J&J, Medtronic etc.). Dabei müssen auch diese Marktführer mit Blick auf die rasante Digitalisierung ihres Geschäfts ihrerseits immer mehr zu SW- und KI-Konzernen werden, um ihre Position zu verteidigen. M&A war und bleibt hierfür ein wesentliches Instrument. Noch ist mit Blick auf den insgesamt kleinteiligen europäischen Anbietermarkt nicht zu erkennen, wie diese Konzentration gebremst bzw. wie ihr durch europäische Konsolidatoren und Technologie-Initiativen wirksam begegnet werden könnte.

Um die Entwicklungsrichtung und das sich abzeichnende Gesamtbild zu erkennen, ist längst nicht mehr nur das Volumen der Merger beachtenswert, sondern deren systematische Verknüpfung: So hat Amazon nach dem Erwerb der Online-Apotheke Pillpack (heute Amazon Pharmacy) zuletzt das Start-up Health Navigator erworben, das Online-Health-Services entwickelt. Beides ein interessanter Hintergrund für weitere Schritte, wie das zuletzt mit Berkshire Hathaway und JP Morgan eingegangene Joint Venture zur Senkung der Krankheitskosten dieser Konzerne. Mit geeigneten Bausteinen schließt sich so die Kontrolle über das Gesamtsystem auf den ersten Blick auch im Sinne der Kostenträger. Anders als viele klassische Medizintechnik- und Pharma-Anbieter können sich die neuen Mitspieler dabei unbelastet von herkömmlichen, teilweise noch auf frühere „Krankheitssysteme“ ausgerichteten Produktpaletten gezielt auf die Unterstützung präventiver und präzisionsmedizinischer Ansätze für ein Gesundheitssystem im eigentlichen Sinne konzentrieren.

Deals ausgesetzt/verschoben

Während Covid-19 aus genannten Gründen das Geschäft der Medtech-Branche diskriminierend beeinflusst hat, trifft die Pandemie das weltweite Übernahme- und Fusionsgeschehen bislang eher gleichmäßig. Insgesamt scheint 2020 bislang ein Jahr zu sein, in dem sich viele der üblichen M&A-Verdächtigen darauf konzentrieren, interne Aufgaben und teils auch Corona-bedingte Herausforderungen im Tagesgeschäft zu lösen, statt sich zu diesen aktuell vorrangigen Themen durch M&A weitere Aufgaben und Risiken aufzuladen. Naturgemäß statistisch schwer zu erfassen ist das Ausmaß laufender oder geplanter Deals, die mit Blick auf Covid-19 ausgesetzt oder verschoben wurden, weil auf Käufer- wie auf Verkäuferseite derzeit Unsicherheit dominiert.

Es ist daher nachvollziehbar, dass auch das erste Halbjahr 2020 weltweit vor allem durch die Abwesenheit größerer transformierender Transaktionen oder gar Blockbuster-Deals auffällt – wie bereits das zweite Halbjahr 2019. Die große Ausnahme stellt dabei die geplante Übernahme von Qiagen durch Thermo Fisher dar, die allerdings auch bereits seit Mitte 2019 verhandelt wird. Mit dem nun durch Thermo Fisher (TF) vorgelegten Übernahmeangebot in Höhe von 11,5 Mrd. US-Dollar (Annahmeschwelle 75 Prozent) bot TF ein Multiple von ca. 19 auf den EBITDA 2019. Unter Verweis auf die starken Geschäftszahlen im ersten Halbjahr wurde TF mittlerweile zu Nachbesserungen gedrängt. Die jetzt gebotene Erhöhung um 10 Prozent könnte noch nicht das letzte Wort sein. Mit Gelingen der Übernahme würde somit auch die derzeitige Vorherrschaft amerikanischer Konzerne wie TF und Danaher im Life-Science-Tools Markt weiter ausgebaut. Gerade TF war zuletzt als Serienerwerber aufgefallen und hatte in kurzer Folge Targets wie Brammer Bio, Affymetrix, FEI und Patheon geschluckt. Siemens Healthineers hatte bereits frühzeitig signalisiert, keinen Qiagen-Erwerb anzustreben.

Insgesamt ist der D/A/CH-Transaktionsmarkt im ersten Halbjahr 2020 durch Covid-19 nicht beflügelt worden. Allerdings zeigt sich hier ein durchaus gemischtes Bild: Während sich die Transaktionsaktivität im Mittelstand deutlich reduzierte, nahmen Transaktionen und Finanzierungsrunden im Start-up-Umfeld erneut zu. Letztere erreichten mit 22 einbezogenen Runden einen neuen Höchststand. VC-Investoren (22) und bereits seit längerem Finanzinvestoren (5 Transaktionen) sind nachhaltig an der Entwicklung des Branchengeschehens beteiligt. Speziell das Start-up-Segment treibt mittlerweile maßgeblich die Digitalisierung der Branche in allen Schattierungen (KI, AR, Health-SW, Sensorik, Robotik etc.). Mehr als die Hälfte aller Transaktionen (M&A und Finanzierungsrunden) in den ersten sechs Monaten drehen sich um Digital-Health-Ansätze, darunter zu einem hohen Anteil Lösungen, die sich direkt an den Konsumenten/ Patienten richten.

Natürlich tragen nicht nur Start-ups die Digitalisierung: Hervorzuheben ist bspw. der anhaltende Akquisitionskurs der Compugroup Medical. In kurzer Folge übernahmen die Koblenzer die italienische H&S Qualità nel Software und Teile des KH-Info-System-Geschäfts der amerikanischen Cerner Corp. Auch im ersten Halbjahr überwogen aber die Übernahmen deutscher Mittelständler durch US-Erwerber. Im Schatten der TF-Qiagen-Transaktion sicherten sich Orthofix mit Wittenstein Intens das Medizintechnik-Geschäft der Gruppe, Masimo die Würzburger TNI Medical und Dover Corp die Münchner Em-Tec. Der italienische Compugroup-Konkurrent Dedalus entschädigte sich mit dem fast 1 Mrd. schweren Kauf der Bonner Agfa-Healthcare.

Insgesamt relativiert sich die Bedeutung der erfreulich regen VC-Aktivitäten im D/A/CH-Bereich mit Blick auf die Dimensionen, für die diese Investoren in den USA stehen, recht schnell. Allein die fünf größten Finanzierungsrunden im ersten Halbjahr spielten dort nahezu 1 Mrd. US-Dollar ein. Vier davon bewegen sich im Bereich Diagnostik (incl. IVD), während die größte Digital-Health-Finanzierung „nur“ ein Volumen von 90 Mio. US-Dollar erreichte.

Corona beeinflusst den regulatorischen Rahmen

Unter dem starken Eindruck der Pandemie hat das Europäische Parlament im April die Verschiebung der Frist für die EU-MDR um ein Jahr beschlossen. Nach Ansicht des BV-Med werden dadurch die mit der MDR einhergehenden Probleme (u.a. Kapazitätsprobleme bei Benannten Stellen) jedoch nicht wirklich aufgegriffen, u.a. sei die Neuzulassung von Produkten nachhaltig erschwert. Nach wie vor stehen damit gerade die in D/A/CH den Markt bestimmenden, vielen kleinen und mittleren Hersteller großen Herausforderungen gegenüber, die bei limitierter Kapitalausstattung und Profitabilität den Zwang zum Wachstum bzw. zur Konsolidierung verstärken.

Diese Konsolidierung soll jedoch nach dem Willen des Wirtschaftsministeriums künftig in kontrollierter Weise verlaufen. Gemäß dem Entwurf für eine Änderung der Außenwirtschaftsverordnung (AWV) wird verfügt, dass die Schwelle von 10 Prozent übersteigende Beteiligungen an systemrelevanten deutschen Healthcare-Unternehmen durch Nicht-EU-Unternehmen ab sofort beim BMWi angemeldet werden müssen. Bislang werden keine Schwellenwerte genannt, weshalb potenziell auch kleine potenziell systemrelevante Transaktionen bis hin zur Start-up-Finanzierung meldepflichtig würden. Da gerade die Investorenkreise von Private-Equity-Adressen häufig Nicht-EU-Gesellschafter (mit Brexit auch UK) mit nennenswerten Anteilen (>10 Prozent) führen, dürfte diese Regelung unmittelbare Auswirkung auf PE-geprägte Transaktionen haben.

Abzuwarten bleibt, wie schnell die derzeitigen Anwendungsfragen befriedigend gelöst werden können und wie sich die Novelle gerade auf die Aktivität der Finanzinvestoren auswirken wird. Es sollte möglich sein, Maßnahmen zu einer durchaus wünschenswerten Sicherung der Grundversorgung mit kritischen Healthcare-Produkten so zu kalibrieren, dass die anstehende Transformation der Branche (Nachfolgewelle, international wettbewerbsfähige Größenordnung, Digitalisierung etc.) weiterhin ausreichend über M&A- und VC-Transaktionen unterstützt werden kann.

Derzeit ist nicht abzusehen, wie lange und in welchem Ausmaß die Pandemie (auch) das wirtschaftliche Leben weiterhin im Griff hat. Diese Frage dürfte aktuell die Business-Pläne aller Medtech-Unternehmen wesentlich beeinflussen, die Energien auf die Sicherung des Kerngeschäfts lenken und zumindest die nicht-VC-getriebene Transaktionstätigkeit weiterhin bremsen. Wenn die derzeit insgesamt noch gute, aber herausgeforderte Position der Medtech-Branche in der D/A/CH-Region verteidigt werden soll, darf das nur eine Momentaufnahme bleiben.

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* Der Autor: Dr. Christian Bridts ist Gründer und Geschäftsführer von Bridts Corporate Finance, München. Für Devicemed betrachtet er exklusiv zwei Mal pro Jahr deutschlandrelevante M&As auf dem Medtech-Markt.

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