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Hightech-Initiative Industrieländer brauchen Antwort auf die chinesische Herausforderung

Redakteur: Franz Graser

Mit dem Zehn-Jahres-Plan „Made in China 2025“ strebt das Reich der Mitte nach einer Führungsposition bei moderner Produktionstechnik. Auch bei IT, Robotik, energiesparender Mobilität und Medizintechnik will China die traditionellen Industrieländer einholen.

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Der chinesische Drache fordert die westlichen Industrieländer heraus: Bis 2025 soll der Hightech-Bedarf der chinesischen Wirtschaft zu 70 Prozent aus eigener Herstellung gedeckt werden. Insbesondere Europa braucht hierauf eine überzeugende Antwort.
Der chinesische Drache fordert die westlichen Industrieländer heraus: Bis 2025 soll der Hightech-Bedarf der chinesischen Wirtschaft zu 70 Prozent aus eigener Herstellung gedeckt werden. Insbesondere Europa braucht hierauf eine überzeugende Antwort.
(Bild: gemeinfrei / CC0 )

Diese langfristige Strategie trägt erste Früchte, und die westlichen Industrieländer müssen sich darauf eine Antwort überlegen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Made in China 2025: The making of a high-tech superpower“ des Mercator-Instituts für China-Studien (MERICS).

Die 2015 von der Parteiführung unter Präsident Xi Jinping beschlossene Initiative sieht vor, dass im Jahr 2025 70 Prozent des einheimischen Marktes für fortschrittliche Produktionstechnik und moderne Werkstoffe von chinesischen Herstellern kommt. Die dafür notwendige Strategie strebt deshalb die Marktführerschaft in Bereichen an, die bisher noch Bastionen der traditionellen Industrieländer sind, darunter IT, computergesteuerte Maschinen, Roboter, energieeffiziente Fahrzeuge und Medizintechnik.

Hierfür plant China einen großen Sprung nach vorn: Das Land will seine Industrie in das Zeitalter der intelligenten Fertigung und der smarten Fabriken versetzen – die chinesische Variante von Initiativen wie Industrie 4.0 oder dem amerikanischen Pendant, dem sogenannten Industrial Internet.

Dieses Ziel erscheint laut MERICS nur auf den ersten Blick unrealistisch. Denn noch weist China im Schnitt auf 10.000 Arbeiter nur 19 Industrieroboter auf. In Deutschland sind dies nach Angaben des Weltroboterverbands (IFR) 301 Roboter, in Südkorea sogar 531.

Aber die finanziellen Mittel, die China in seine Initiative steckt, sind gewaltig. Der kürzlich begründete Investitionsfonds für intelligente Fertigung ist mit 20 Milliarden Yuan (2,6 Milliarden Euro) ausgestattet. Der Investitionsfonds für die Halbleiterindustrie verfügt über 139 Milliarden Yuan (19 Milliarden Euro). Zum Vergleich: Ungefähr 200 Millionen Euro hat die Bundesregierung bislang in Forschung zur Industrie 4.0 investiert.

Darüber hinaus investieren chinesische Unternehmen massiv im Ausland: Von Januar bis September beliefen sich chinesische Investitionen in EU-Staaten auf mehr als 15 Milliarden Euro, bis Ende 2016 könnten es fast 19 Milliarden Euro sein. In den USA investierten chinesische Firmen im ersten Halbjahr dieses Jahres umgerechnet mehr als 17 Milliarden Euro.

Firmenaufkäufe sollen Technik-Lücke schließen

Viele Investitionen fließen in Bereiche wie Immobilien und Dienstleistungen – hier gibt es positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit. Doch vermehrte Übernahmeangebote an Hochtechnologiefirmen sorgten hierzulande für heftige Diskussionen, wie der Fall des Roboterherstellers Kuka, des Spezialmaschinenbauers Aixtron (dessen Übernahme jüngst am Veto des US-Präsidenten scheiterte) und des Leuchtmittelproduzenten Osram. Es tauchte die Frage auf, inwieweit der chinesische Staat hinter den Deals steht.

Dazu kommt eine protektionistische Politik Chinas, die eigene Technologieanbieter vor ausländischer Konkurrenz schützt. So konnten sich Unternehmen wie Baidu, Sina Weibo oder Wechat als Alternativen zu Google, Facebook oder Twitter etablieren. Bei der Hightech-Produktion befindet sich China laut MERICS dagegen immer noch im Rückstand. Drei Viertel der Komponenten für im Land gefertigte Industrieroboter werden nach wie vor importiert.

Die Strategie hat auch deutliche Schwächen, wie es in der MERICS-Studie heißt. Politische Prioritäten und Bedürfnisse der Industrie stehen oft nicht im Einklang. Die Fixierung auf quantitative Ziele und ineffiziente Mittelzuteilung könnten dazu beitragen, dass die breit angelegte Initiative in vielen Bereichen verpufft.

Doch in manchen Bereichen, dazu gehören Robotik und 3-D-Druck, könnte China die derzeit führenden Volkswirtschaften und internationale Konzerne erheblich unter Druck setzen. Besonders Deutschland und die EU-Nachbarn Ungarn, Tschechien, Irland und Österreich, aber auch Südkorea und die USA, in denen Hightech-Industrien einen großen Teil zum Bruttoinlandsprodukt beisteuern, droht auf lange Sicht eine Schwächung ihres Wirtschaftswachstums.

Entscheider in Politik und Wirtschaft sollten sich nicht von kurzfristigen Geschäftschancen täuschen lassen. Am Ende gehe es der chinesischen Führung darum, ausländische durch chinesische Technologien zu ersetzen.

Mehr Transparenz bei Firmenübernahmen

Deshalb sind kluge Antworten auf Chinas Strategie nötig. Europa empfehlen die MERICS-Autoren eine erweiterte Palette von Instrumenten, um auf die von staatlichen Akteuren betriebenen Aufkäufe europäischer Hightech-Unternehmen zu reagieren. Dazu gehöre mehr Transparenz bei Firmenübernahmen, damit eventuelle staatliche Einflussnahme rechtzeitig erkennbar werde. Ähnlich wie in den USA müssten auch in Europa die Bedeutung von Investitionen aus dem Ausland in einheimische Firmen für die nationale Sicherheit entschiedener geprüft werden.

Eine weitere Option ist die Ausweitung der auf dem EU-Binnenmarkt geltenden Wettbewerbsregeln auf Investitionen aus Drittstaaten anzuwenden. Die Regelungen untersagen staatliche Beihilfen, die den Wettbewerb verzerren.

Ausländischen Hightech-Unternehmen, die in China forschen und entwickeln, empfehlen die Autoren, sich auf Bereiche zu konzentrieren, in denen die chinesischen Partner selbst schon über fortgeschrittene Technologien verfügen. Dazu gehören unter anderem der Telekommunikationsstandard 5G, drahtlose Sensornetzwerke, 3-D-Druck und E-Commerce-Anwendungen für die Industrie.

Auch Dialog sei wichtig: Im Bereich Cybersicherheit, so die MERICS-Forscher, müssten die Industrieländer Chinas Interesse an ihrer Technik nutzen, um im Gegenzug IT-Sicherheitsstandards und den Schutz von sensiblen Unternehmensdaten einzufordern.

Wenn es um die Festlegung von Technologie-Standards gehe, sei China noch offen, sich an den entsprechenden Industriekonsortien zu beteiligen. Entwickelt das Land erst seine eigenen Standards – wie beim Mobilfunk– wird die Barriere, die ausländischen Hightech-Anbietern den Weg auf Chinas Märkte versperren könnte, vielleicht eines Tages unüberwindlich hoch.

Osram-Firmenhauptsitz in München: Wie die Wirtschaftswoche unter Berufung auf Verhandlungskreise berichtet, möchte der chinesische Konzern San'an Optoelectronics den deutschen Leuchtenhersteller für 70 Euro pro Aktie übernehmen.

San'an Optoelectronics

Chinesischer Halbleiterkonzern will konkretes Angebot für Osram vorlegen

Dieser Artikel ist erschienen auf www.elektronikpraxis.vogel.de.

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