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Digitalisierung Industrie 4.0 als Chance für die Medizintechnikbranche

Autor / Redakteur: Rachel Shelly* / Julia Engelke

Der Einsatz von Industrie-4.0-Technologien ermöglicht es Unternehmen, Prozesse zu automatisieren und zu optimieren. Wie genau das in der Medizintechnikbranche aussehen kann, stellt Rachel Shelly, Leiterin des Bereichs Medizintechnik bei IDA Ireland, in einem Gastbeitrag vor.

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Rachel Shelly ist Leiterin des Bereichs Medizintechnik bei IDA Ireland.
Rachel Shelly ist Leiterin des Bereichs Medizintechnik bei IDA Ireland.
(Bild: Maxwell Photography)

Während in den letzten 12 Monaten viel darüber berichtet wurde, wie die Technologie die Arbeitsweise traditioneller Büros verändert hat, ist der Wandel in den Fabriken ebenso wichtig. Die Verbreitung von Industrie-4.0-Technologien ermöglicht es Unternehmen, eine Vielzahl von Prozessen zu automatisieren und zu optimieren.

Der Einsatz von Technologien wie Cloud Computing, künstliche Intelligenz (KI), Automatisierung, Robotik, fortschrittliche Analytik, Software as a Service (SaaS) und maschinelles Lernen – oft als Industrie-4.0-Technologien bezeichnet – hat in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Und alles deutet darauf hin, dass dies auch weiterhin der Fall sein wird. Tatsächlich könnten laut der Unternehmensberatung McKinsey zwischen 39 und 58 Prozent der Aktivitäten in betriebsintensiven Branchen in Zukunft automatisiert werden.

Investitionen auf dem Vormarsch

Die Medizintechnikbranche war in dieser Hinsicht ein Vorreiter und versucht, die Vorteile von Industrie-4.0-Technologien zu nutzen, um die Produktivität in einer diskreten, stark regulierten Fertigungsumgebung durch bessere Verbindungssysteme und -technologien zu steigern. Viele Medtech-Unternehmen investieren in intelligente Fertigungstechnologien und -prozesse und arbeiten zusammen, um Innovationen voranzutreiben. Ein Beispiel ist Stryker, eines der weltweit führenden Medizintechnikunternehmen, das in Cork, Irland, das , nach eigenen Angaben, weltweit größte Zentrum für additive Fertigung in der Medizintechnik eingerichtet hat – das AMagine Institute. Das Institut entwickelt additiv gefertigte Produkte für drei Geschäftsbereiche von Stryker: Wirbelsäule, Craniomaxillofacial und Gelenkersatz. Die Investition von Stryker in die additive Fertigung begann im Jahr 2001. Seitdem hat das Unternehmen mit führenden Universitäten in Irland und Großbritannien im Rahmen von PhD-Programmen zusammengearbeitet, um den porösen 3D-Druck für die Gesundheitsindustrie zu industrialisieren. Die additive Fertigung ermöglicht es Stryker, die Komplexität des Designs zu bewältigen und die Reproduzierbarkeit poröser Materialien sowie die Produktion bisher nicht herstellbarer Geometrien zu realisieren. Das Unternehmen kündigte kürzlich weitere Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) am Standort Cork als Teil eines 200-Millionen-Euro-F&E-Programms für drei seiner irischen Standorte an.

An anderer Stelle entwickelt das Automation Centre of Excellence von Johnson & Johnson in Limerick, Irland, Automatisierungslösungen und bietet Fachwissen für die Kerngeschäftsbereiche von J&J. Das Team des Zentrums entwickelt Automatisierungs- und Cyber-Physical-Technologien und -lösungen für das globale Geschäft, stellt technisches Fachwissen zur Verfügung, unterstützt den Technologietransfer und bietet Vorteile durch ein Portfolio von Einführungsprojekten in der ganzen Welt.

DePuy Synthes, eine auf Orthopädie und Neurochirurgie spezialisierte Tochtergesellschaft von Johnson & Johnson, hat sich auf den Einsatz von Industrie-4.0-Technologien konzentriert und digitale Lösungen skaliert, um Leistungsverbesserungen voranzutreiben. So konnte der Kundenservice um 6 Prozent, die betriebliche Effizienz um 15 Prozent und die Anlagenauslastung um 20 Prozent gesteigert werden, was dem Unternehmen die Anerkennung des Weltwirtschaftsforums (WEF) als Global Lighthouse einbrachte – als Vorreiter bei der Integration und Nutzung von Industrie 4.0-Technologien. Diese Bemühungen um eine intelligente Vernetzung von Fertigungsprozessen werden zum Motor für innovative Produkte und Geräte in der gesamten Branche und ermöglichen effizientere Lösungen und eine individuellere Patientenversorgung.

Buchtipp

Das Buch „Industrie 4.0: Potenziale erkennen und umsetzen“ bietet einen umfassenden und praxisorientierten Einblick in die Digitalisierung von Fertigung und Produktion. Zahlreiche Experten aus Industrie und Wissenschaft beleuchten in Einzelbeiträgen die Chancen und Risiken des digitalen Wandels und sprechen konkrete Handlungsempfehlungen aus.

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Kernkompetenzen stärken und sich für die Zukunft rüsten

Medtech-Unternehmen, die in Industrie-4.0-Technologien investieren möchten, müssen bei jedem Schritt nach vorn die Chancen abwägen und neue Fähigkeiten entwickeln. Der Aufbau neuer Kompetenzen und die Implementierung fortschrittlicher Produktions- und Überwachungstools ist eine Herausforderung. Was sich in Irland deutlich zeigt, ist der Wert eines starken, vielfältigen Ökosystems, um die Entwicklung der Branche zu unterstützen und voranzutreiben. Die schnellste und risikoärmste Option ist es, sich mit anderen auszutauschen und von ihnen zu lernen. Diskussionen und Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten aus ähnlichen Bereichen oder die Nutzung von Fachwissen und Forschungsergebnissen aus spezialisierten Forschungszentren erleichtern es der Branche und den Unternehmen, Fortschritte zu machen.

Die Förderung neuer Talentströme und kontinuierlicher Fortbildung sind wichtige Aspekte der Industrieentwicklung, und zwar in allen Sektoren, nicht nur im Gesundheitswesen. Nationale Initiativen, die von der Regierung unterstützt werden, ermöglichen oft den Aufbau von Fähigkeiten für die Zukunft. Irland baut beispielsweise ein neues nationales Advanced Manufacturing Centre (AMC) auf, um KMU und multinationale Unternehmen im Bereich der Fertigung bei der Erprobung, dem Einsatz und der Skalierung digitaler Technologien in ihren Fabriken sowie bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu unterstützen. Das AMC wird Anfang 2022 eröffnet.

Es ist auch wichtig, das erhöhte Risiko zu berücksichtigen, das durch all die gesammelten Daten entsteht, von geschäftskritischen Informationen über die Funktion von Fabriken bis hin zu den persönlichen Daten von Patienten. Bei so vielen hochsensiblen Informationen an einem Ort müssen robuste Cybersicherheitsprotokolle vorhanden sein, damit diese neuen Technologien sicher genutzt werden können.

Um mit den Entwicklungen Schritt zu halten und von anderen zu lernen, können sich Unternehmen an nationalen Clustern beteiligen, die darauf ausgelegt sind, spezielle Fähigkeiten zu fördern und die Ressourcen von Regierungen, Industrie und Wissenschaft zu bündeln, um Fachwissen und Ratschläge auszutauschen und eine spezielle Pipeline an Talenten zu schaffen. Irland entwickelt stark vernetzte Cluster zur Unterstützung der Industrie in einer Reihe von Sektoren, einschließlich der fortschrittlichen Fertigung. Ein weiteres etabliertes Cluster ist Cyber Ireland, das es Unternehmen aus allen Industriezweigen ermöglicht, auf umfangreiche Unterstützung für branchenübergreifende Forschung und Entwicklung zurückzugreifen, sowie auf Initiativen zur Entwicklung spezifischer Fähigkeiten und zur Verbindung von Unternehmen mit Arbeitskräften mit speziellem Talent. Wo auch immer es sinnvoll ist sich anzusiedeln, sollten Unternehmen auf branchenweite und staatliche Initiativen zurückgreifen, um die Zusammenarbeit voranzutreiben, Zugang zu Talenten zu erhalten und die kontinuierliche Weiterbildung zu unterstützen.

Die Anwendung digitaler Technologien in der Medtech-Branche nimmt rasant zu. Mit einer klaren Roadmap für die Digitalisierung können Unternehmen schnelle Erfolge erzielen und eine Dynamik für längerfristige, größere Ziele aufbauen. Zu den wichtigsten gehören eine schnellere und effektivere Entwicklung neuer Produkte, eine engere Verbindung zu den Kunden und eine flexiblere Produktion, die alle zu einer höheren Effizienz, einer besseren Auslastung der Anlagen, Kosteneinsparungen und einem besseren Kundenservice führen. Mit der richtigen Unterstützung auf dem Weg dorthin ist das ein Gewinn für die Industrie.

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* Die Autorin: Rachel Shelly ist Leiterin des Bereichs Medizintechnik bei IDA Ireland.

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