Porträt

Ignaz Semmelweis – der „Retter der Mütter“

| Redakteur: Kathrin Schäfer

Ignaz Semmelweis: seine Erkenntnisse wurden zur Grundlage moderner Krankenhaus-Hygiene.
Ignaz Semmelweis: seine Erkenntnisse wurden zur Grundlage moderner Krankenhaus-Hygiene. (Bild: gemeinfrei)

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Vor 200 Jahren, am 1. Juli 1818, wurde Ignaz Semmelweis geboren. Er ist aufgrund seiner Erkenntnisse und daraus abgeleiteten Präventionsmaßnahmen im Bereich der Infektiologie bis heute als „Retter der Mütter“ bekannt.

  • Krankenhaushygiene und Infektionsprävention
  • Noch heute sterben bis zu 15.000 Menschen pro Jahr in Deutschland aufgrund von Krankenhausinfektionen
  • Sachzusammenhang zwischen Leichengift und Tod

Der in Wien tätige Geburtsarzt Ignaz Semmelweis hat als erster Mediziner den Zusammenhang zwischen durch Unsauberkeit verunreinigten Wunden und Sterblichkeitsraten von Patienten nachgewiesen. Seine Erkenntnisse wurden lange Zeit heftig bekämpft, waren später aber die Grundlage moderner Krankenhaushygiene. Die Sterblichkeit aufgrund von Infektionen in Krankenhäusern konnte seitdem erheblich gesenkt werden.

Wesentliche Grundlage für diesen Erfolg ist nach Ansicht des BV-Med die Weiterentwicklung von präventiven Maßnahmen des Infektionsschutzes, wie sie heute in evidenzbasierten Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch- Institut (RKI), in Leitlinien der Fachgesellschaften und im Infektionsschutzgesetz zusammengefasst sind. Aber: „Trotz der Fortschritte erkranken jährlich 400.000 bis 600.000 Menschen in Deutschland an Krankenhausinfektionen. Ungefähr ein Drittel davon sind postoperative Wundinfektionen“, so der BV-Med-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Joachim M. Schmitt mit Blick auf die Situation heute. Und: „Je nach Quelle sterben zwischen 10.000 und 15.000 Menschen pro Jahr in Deutschland aufgrund von Krankenhausinfektionen. Für eine höhere Patientensicherheit ist eine konsequente Prävention vermeidbarer Infektionen erforderlich“, so der BV-Med, der den Jahrestag zum Anlass nimmt, um auf Defizite im Gesundheitswesen heute hinzuweisen.

Seine Nachforschungen brachten ihm den Ruf als „Todesdoktor“ ein

Doch zurück zu Semmelweis: Seine Erkenntnisse, die später zur Grundlage moderner Krankenhaushygiene geworden sind, wurden lange Zeit heftig bekämpft und sind erst nach seinem tragischen Tod anerkannt worden. Ab 1846 war er als Assistenzarzt in der Ersten geburtshilflichen Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses beschäftigt. Semmelweis sah sich hier mit dem Problem des Kindbettfiebers konfrontiert, an dem viele eingelieferte Schwangere starben. Dem jungen Arzt fiel auf, dass die Sterblichkeitsrate (5 bis 15 Prozent) in seiner Abteilung wesentlich höher war als in einer anderen geburtshilflichen Abteilung des Krankenhauses, in der Mädchen zu Hebammen ausgebildet wurden.

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Semmelweis untersuchte bei seinem Bemühen, der Ursache für diese Diskrepanz auf den Grund zu gehen, besonders gründlich. In Folge starben noch mehr Schwangere und er bekam den Ruf, ein „Todesdoktor“ zu sein. Der Tod seines Freundes und Kollegen Jakob Kolletscha brachte Semmelweis 1847 auf die richtige Spur. Kolletscha war bei einer Obduktion mit einem bei der Leichensektion benutzten Skalpell verletzt worden und starb kurz darauf an einer im Verlauf dem Kindbettfieber ähnelnden Blutvergiftung. Semmelweis stellte daraus einen Sachzusammenhang zwischen Leichengift und Tod her. Die die Patientinnen in der 1. Geburts-Abteilung vaginal untersuchenden Mediziner hatten ständig Kontakt mit Leichen, die Hebammenschülerinnen in der 2. Abteilung waren dagegen weder direkt an Vaginaluntersuchungen noch an Leichenobduktionen beteiligt. Semmelweis reinigte aufgrund dieser Feststellung seine Hände vor jeder Untersuchung mit Chlorkalk und verlangte dieses Vorgehen auch von dem ihm zuarbeitenden Personal: Er empfahl als Prophylaxe strenge Hygienemaßnahmen. Binnen kurzer Zeit sank die Sterblichkeitsrate in seinem Bereich deutlich von über 12 Prozent auf unter 2 Prozent.

Der „Semmelweis-Reflex“: gekränkte Ehre und feindselige Ablehnung

Mangels noch nicht vorhandener Kenntnisse über Bakteriologie mochten die meisten von Semmelweis’ Kollegen dem praktischen Anscheinsbeweis nicht folgen. Sie fühlten sich stattdessen in ihrer Berufsehre als Heiler gekränkt, reagierten mit Ablehnung und sogar mit Feindseligkeit. Koryphäen wie Rudolf Virchow griffen Semmelweis‘ 1847 von Ferdinand von Hebra („Höchst wichtige Erfahrungen über die Ätiologie der in Gebäranstalten epidemischen Puerperalfieber“) in einer Wiener Ärzte-Zeitschrift veröffentlichten Thesen heftig an. Diese auch anderenorts im Wissenschaftsbetrieb zu beobachtende Verhaltensweise wurde später als „Semmelweis-Reflex“ bezeichnet. Semmelweis musste 1849 als Folge einer Intrige das Krankenhaus verlassen und eröffnete schließlich eine Privatpraxis in Pest.

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Ab 1855 lehrte Semmelweis als Professor für Geburtshilfe an der Pester Universität. Seine Vorstellungen von Desinfektion fanden nur wenige Anhänger. 1865 wurde der wahrscheinlich an Depressionen und Demenz erkrankte Professor unter dubiosen Umständen in die Niederösterreichische Landesirrenanstalt im Wiener Vorort Oberdöbling eingeliefert. Dort starb der 47-jährige Semmelweis am 13. August 1865. Ob als Folge einer durch Misshandlungen verursachten Sepsis, einer „Gehirnlähmung“ oder einer Lues-Erkrankung blieb jedoch ungeklärt. Semmelweis hinterließ seine Frau Maria, mit der er fünf Kinder hatte, von denen allerdings drei bereits vor Vollendung des ersten Lebensjahres starben.

Ergänzendes zum Thema
 
Devicemed-Zeitleiste: Ignaz Semmleweis – Stationen seines Lebens

1867 verhalf der „Vater der antiseptischen Chirurgie“ genannte Leibarzt der britischen Königin Victoria, Joseph Lister, Semmelweis’ Thesen durch spektakuläre Forschungsergebnisse zum Durchbruch. Allerdings hielt sich noch bis zur Jahrhundertwende bei vielen Medizinern hartnäckig die Irrmeinung, dass Kindbettfieber durch „in den Frauen innewohnenden Faulstoffen“ verursacht werde.

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