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Sivantos Hörgeräte: Ein Stück Siemens-Geschichte wandert in die Hände von Finanzinvestoren

| Redakteur: Franz Graser

Seit Mitte Januar firmiert die frühere Siemens Audiologische Technik unter dem Namen Sivantos. Eigentümer sind die Investorengruppe EQT, die Familie Strüngmann und Siemens selbst. Der Elektrokonzern hatte schon öfter versucht, die Hörgerätesparte zu veräußern.

Die Wurzeln der früheren Siemens-Hörgerätetechnik liegen im Jahr 1878. Heute firmiert das Unternehmen unter dem Namen Sivantos.
Die Wurzeln der früheren Siemens-Hörgerätetechnik liegen im Jahr 1878. Heute firmiert das Unternehmen unter dem Namen Sivantos.
(Bild: Sivantos)

Die Ursprünge der früheren Siemens-Hörgerätesparte gehen bis auf das Jahr 1878 zurück. Damals herrschte in Deutschland Kaiser Wilhelm I., Bismarck erließ sein Gesetz „gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ und Werner von Siemens entwickelte einen Telefonhörer, der es Schwerhörigen erlaubte, Gesprächen besser zu folgen. 1913 brachte Siemens eine erste tragbare Hörhilfe unter dem Namen Phonophor auf den Markt.

Seit damals hat die Hörgerätetechnik gewaltige Fortschritte gemacht. Die Geräte wurden kleiner und leichter, gleichzeitig verbesserte sich die Leistungsfähigkeit der Hörhilfen. So ist es heute möglich, die Hörsituation automatisch zu erkennen und den Klang der Geräte entsprechend anzupassen. Sogenannte Tinnitus-Noiser erzeugen Hintergrundgeräusche, die die Träger als angenehm empfinden; auf diese Weise kann Ohrgeräuschen ihre Dominanz genommen werden.

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Viele dieser Innovationen hat Siemens aktiv vorangetrieben. Die Hörgeräteplattform „binax“ ist heute sogar in der Lage, das normale Hören in bestimmten Situationen zu übertreffen. Klinische Studien haben dies bestätigt. 2012 wurden die Siemens-Forscher für die Entwicklung eines sogenannten binauralen Hörsystems mit dem Deutschen Zukunftspreis geehrt. Bei diesem System stimmen sich die rechte und die linke Hörhilfe miteinander ab und verbessern dadurch den räumlichen Höreindruck.

Trotz dieser Erfolgsgeschichte versuchte der Münchner Konzern in den zurückliegenden Jahren mehrfach, die Hörgerätesparte zu verkaufen. Nach einem Bericht des Manager Magazins hatte der heutige Siemens-Vorstandschef und damalige Finanzvorstand Joe Kaeser die Sparte bereits 2010 an Finanzinvestoren veräußern wollen. Der Deal kam damals nicht zustande, da die „Gebote in den Keller gegangen waren“, wie das Magazin schreibt.

Zwischenzeitlich war ein Börsengang der Audiologischen Technik erwogen worden. Ende vergangenen Jahres griff dann die Private-Equity-Gruppe EQT mit Sitz in Stockholm zu. Mitte Januar trat der Deal in Kraft. Die Hörgerätesparte heißt seitdem Sivantos. Da das Unternehmen Lizenznehmerin der Siemens-Marke ist, werden die Hörhilfen von Sivantos bis auf Weiteres den Namen Siemens tragen.

Was der Verkauf für die nach Unternehmensangaben 5000 Mitarbeiter der früheren Siemens-Sparte bedeutet, ist momentan noch nicht abzusehen. Laut dem Berliner Tagesspiegel leitete die Private-Equity-Gruppe EQT in einigen Fällen nach der Übernahme einer Firma einen harten Sparkurs ein, um die – zum Teil durch Kredite finanzierten – Investitionen wieder hereinzubekommen. In anderen Fällen – etwa bei dem Billigbäcker BackWerk – erwies sich EQT dagegen als kongenialer Partner, um eine Expansionsstrategie voranzutreiben.

Dies könnte auch im Fall von Sivantos der Fall sein: Ende März 2015 übernahm die ehemalige Siemens-Sparte das Berliner Hörgeräte-Portal audibene (zu Deutsch: Hör gut). Über audibene können sich Kunden mit Hörproblemen zunächst beraten lassen. Die Anpassung einer eventuell nötigen Hörhilfe leistet dann der Hörgeräte-Akustiker vor Ort.

Die Übernahme des audibene-Portals soll Sivantos ein deutlich jüngeres Kundenklientel vermitteln. Andererseits erhoffen sich die audibene-Gründer von der Akquisition wertvolles Branchenwissen. Die Pläne des Hörgeräte-Portals sind jedenfalls ehrgeizig: Bereits am 1. Juli will audibene in den USA starten, verriet Unternehmensgründer Marco Vietor dem Wirtschaftsmagazin impulse.

Dieser Artikel ist erschienen im Themenkanal Medizintechnik unter www.elektronikpraxis.vogel.de.

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