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Einfuhr von Fertiggeräten nach Russland wird schwieriger

| Autor / Redakteur: Ullrich Umann, Moskau / Peter Reinhardt

Der russische Markt für Medizintechnik schrumpft. Negativ für Anbieter aus dem Ausland dürfte sich zudem der Protektionismus der russischen Regierung auswirken. Deren Ziel ist es, ausländische Hersteller zum Aufbau einer Fertigung in Russland zu bewegen.

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So prunkvoll die russischen Prachtstraßen auch sind, der Import deutscher Medizintechnik stockt.
So prunkvoll die russischen Prachtstraßen auch sind, der Import deutscher Medizintechnik stockt.
(Bild: © vvoe - Fotolia.com)

Drei Entwicklungen auf dem russischen Markt für Medizintechnik sind besonders prägend: Erstens, sinkt das wert- und mengenmäßige Marktvolumen. Zweitens legten die Verkäufe inländischer Hersteller von Medizintechnik von Januar bis September 2015 um 4,9 Prozent zu. Und drittens brechen die Importe ein. Deutsche Hersteller sind unmittelbar von der ersten und dritten Entwicklung betroffen. Eine Besserung der Lieferchancen aus Deutschland ist nicht in Sicht.

Für den Importrückgang sind sowohl Haushalts- und Finanzierungsschwächen auf allen Verwaltungsebenen als auch die 2015 implementierte Politik der Importsubstitution verantwortlich. Hinzu kam eine Reform der Ausschreibungsvorschriften im öffentlichen Sektor. Demnach werden Zuschläge für Hersteller aus der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) reserviert.

Sollten sich keine geeigneten Anbieter aus der EAWU an einer Ausschreibung beteiligen, kommen Hersteller aus Ländern zum Zuge, die sich den westlichen Sanktionen gegen Russland nicht angeschlossen haben. Westliche Anbieter kommen zuallerletzt in Frage, nämlich dann, wenn nur sie die gesuchte Technologie liefern können, somit ihre Produkte unnachahmliche Alleinstellungsmerkmale aufweisen. Diese Beschaffungsregeln gelten nicht für den noch kleinen, allerdings beständig wachsenden privaten Gesundheitssektor. Dieser ist frei in seinen Kaufentscheidungen.

90 Prozent Einfuhrabhängigkeit

Die aktuellen Ausschreibungsvorschriften haben marktbestimmende Auswirkungen, da 90 Prozent aller Tender von staatlichen und quasi-staatlichen Gesundheitseinrichtungen ausgerufen werden. Neben den Vorbehalten gegen westliche Hersteller kommt hinzu, dass 2016 die öffentlichen Gesundheitsausgaben weiter gekürzt werden: Der staatliche Haushaltsansatz für 2016 sieht Zuwendungen in Höhe von 490 Mrd. Rubel (circa 7 Mrd. Euro) vor – ein Minus von 8 Prozent im Vorjahresvergleich. Der übergroße Teil des Geldes wird zur Deckung von Personal- und Verwaltungskosten aufgewendet.

Die heimische Medizintechnikindustrie stellt vorrangig Verbrauchsmaterial sowie Möbel für Gesundheitseinrichtungen her. Durch Lizenzerwerb, das Eingehen von Joint Ventures und die Einfuhr von Komponenten zum Einbau in Endprodukte konnte aber auch die Produktion elektromedizinischer Apparate zulegen. Ausgesprochen solide Ausgangspositionen mit interessanten Eigenentwicklungen besetzt die russische Industrie bei Ausrüstungen für die Augenheilkunde und Lasermedizin. Trotz der qualitativen und quantitativen Verbesserungen in der Medizintechnikbranche ist das Land weit davon entfernt, autark zu sein. Die Einfuhrabhängigkeit liegt insbesondere bei Hochtechnologie für die Gesundheitsfürsorge bei 80 bis 90 Prozent.

Trotz hoher Importabhängigkeit sinkt die russische Medizintechnikeinfuhr. Ursachen dafür sind Finanzierungsprobleme und die politisch gewollte Importsubstitution. Hinzu kommt die starke Abwertung des Rubel, wodurch die Einfuhrpreise seit 2014 stark anzogen.

Akquise wird zum Pokerspiel

Die Rubel-Abwertung hat aber auch den Export von Medizintechnik aus Russland rentabel werden lassen. Und sie wirkt sich günstig auf die Profitabilität von ausländischen Direktinvestitionen aus. Die Produktionskosten sind 2015 im Abwertungssog auf Euro-Basis um 20 bis 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Nicht zuletzt deshalb sind internationale Investoren vorrangig zur Gründung von Gemeinschaftsunternehmen bereit: Dabei werden Komponenten und Know-how aus dem Ausland geliefert; örtliche Partner montieren und vertreiben.

Für so manchen deutschen Anbieter wird die Akquise in Russland dadurch zu einem Pokerspiel. Staatliche Krankenhäuser und Kliniken wissen selbst nicht in jedem Fall, ob sie trotz Bedarf Medizintechnik in Deutschland bestellen können, ob die übergeordneten Gesundheitsbehörden die Finanzierung bewilligen und ob das Industrie- und Handelsministerium Einwände gegen den Import hat. Ausländische Hersteller müssen darüber hinaus alle medizintechnischen Erzeugnisse vor der Einfuhr bei der Behörde Roszdrawnadzor zertifizieren lassen. Dieses Antragsverfahren ist sehr detailliert und zeitaufwändig. prQuelle: Germany Trade & Invest

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