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Interview „Die Medizintechnik ist eine enorm wichtige Branche für Rheinland-Pfalz“

Von Marc Platthaus

Nicht nur Biotechnologie-Spezialisten wie Biontech gehören zu den Vorzeige-Unternehmen in Rheinland-Pfalz. Dr. Martin Hummrich, Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium in Rheinland-Pfalz, betont im Interview während der Medica/Compamed in Düsseldorf, welche zentrale Rolle auch die Medizintechnik für das Bundesland spielt.

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Dr. Martin Hummrich, Abteilungsleiter für Mittelstand und Innovation im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz (r.) im Gespräch mit Devicemed-Chefredakteuer Marc Platthaus während der Medica/Compamed 2021.
Dr. Martin Hummrich, Abteilungsleiter für Mittelstand und Innovation im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz (r.) im Gespräch mit Devicemed-Chefredakteuer Marc Platthaus während der Medica/Compamed 2021.
(Bild: MWVLW Rheinland-Pfalz, Foto: CONZENTRAT Düsseldorf, Jörg Pruß.)

Herr Dr. Hummrich, Sie sind Leiter der Abteilung Mittelstand, Innovation im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz und heute zum ersten Mal auf der Medica/Compamed. Wie ist Ihr Eindruck?

Man merkt, wie Besuchern und Ausstellern gleichermaßen der direkte Kontakt gefehlt hat. Die Stimmung, die ich an den Ständen gespürt habe, war sehr positiv. Messen gehören, gerade für so innovative Branchen wie Gesundheitswirtschaft und Medizintechnik, dazu. Nicht selten werden hier Projekte für zukünftige Entwicklungen angebahnt.

Sie haben einige rheinland-pfälzische Unternehmen besucht, die in Düsseldorf ausstellen. Welche Bedeutung hat die Medizintechnik für das Land Rheinland-Pfalz und besonders für das Wirtschaftsministerium?

Die Gesundheitswirtschaft ist insgesamt eine der wichtigsten Wirtschaftsbranchen in Rheinland-Pfalz, nicht zuletzt durch die bahnbrechende Innovation des Corona-Impfstoffes durch das Mainzer Unternehmen Biontech. Neben der Biotechnologie und Pharmaindustrie gewinnt aber auch die Medizintechnikbranche für uns immer mehr an Bedeutung. Im Bereich der Diagnostik haben Unternehmen (z. B. Diasys, Bioron, Aesku) in Rheinland-Pfalz u.a. mit einer schnellen Entwicklung von PCR-Tests dazu beigetragen, mit geeigneten Maßnahmen der Pandemie gegenzusteuern. Weitere Unternehmen in Rheinland-Pfalz haben zu Beginn der Pandemie vor allem die lebenswichtige Versorgung mit Beatmungsgeräten (z. B. Fritz Stephan, Löwenstein Medical, Heyer Medical und Axcent Medical) sichergestellt. Die Medizintechnik ist darüber hinaus eine Branche, welche besonders innovativ, wachstumsstark und zukunftsträchtig ist. Insbesondere werden hier, ausgelöst durch die Pandemie, zunehmend digitale Produkte und Gesundheitslösungen, wie zum Beispiel die digitalen Gesundheitsanwendungen (Gesundheits-Apps) entwickelt, produziert und international erfolgreich vermarktet. Gerade der demografische Wandel sowie ein gesellschaftszentriertes Menschenbild, welches allen Bürgerinnen und Bürgern eine hochwertige und fair gestaltete Gesundheitsversorgung ermöglichen kann, fordert, an Lösungen zur Verbesserung von Effizienz und Nutzen des Gesundheitswesens zu arbeiten. Aus Sicht des Wirtschaftsministeriums werden vor allem neben den digitalen Lösungen die personalisierte Medizin und der 3D-Druck in der Zukunft weitere Potenzialbereiche sein.

Können Sie etwas mehr zu den Kennzahlen der rheinland-pfälzischen Medizintechnik sagen, wie hat sich z. B. der Umsatz entwickelt?

Die Medizintechnik ist bereits vor Beginn der Pandemie in Rheinland-Pfalz im Zeitraum von 2009 bis 2018 mit 5,1 Prozent stärker als die rheinland-pfälzische Gesamtwirtschaft gewachsen. Das unterstreicht an dieser Stelle noch einmal die besondere Bedeutung der Branche. Die Gesundheitswirtschaft wurde als bedeutender Wirtschaftsfaktor für Rheinland-Pfalz im aktuellen Koalitionsvertrag hervorgehoben. So hat sich die rheinland-pfälzische Landesregierung, neben der Medizintechnik, u. a. das Ziel gesetzt, das Land Rheinland-Pfalz zu einem führenden Standort für Biotechnologie auszubauen.

Am Devicemed-Stand während der Compamed 2021 (v.l.): Elke Butzen-Wagner (Innonet Health Economy e.V.), Marc Platthaus (Devicemed), Dr. Martin Hummrich, Marlen Peseke und Daniela Arnold (alle Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz)
Am Devicemed-Stand während der Compamed 2021 (v.l.): Elke Butzen-Wagner (Innonet Health Economy e.V.), Marc Platthaus (Devicemed), Dr. Martin Hummrich, Marlen Peseke und Daniela Arnold (alle Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz)
(Bild: MWVLW Rheinland-Pfalz, Foto: CONZENTRAT Düsseldorf, Jörg Pruß.)

Mit welchen Herausforderungen sind die Medizintechnik-Unternehmen an Ihrem Standort konfrontiert?

Die Medizintechnikbranche ist nicht nur in Rheinland-Pfalz sehr mittelständisch geprägt. 93 Prozent der deutschen Medizintechnik-Unternehmen beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter. Als große Herausforderung für die Branche sieht das Wirtschaftsministerium neben dem Fachkräftemangel, welcher vor allem die Bereiche der Regulatory Affairs und IT-Spezialisten betrifft, in der Umsetzung der beiden EU-Verordnungen über Medizinprodukte, die sog. Medical Device Regulation – MDR sowie die EU-Verordnung über In-vitro-Diagnostika – IVDR. Gerade in Gesprächen mit unseren Unternehmen stellen wir fest, dass viele Fragen in der Umsetzung beider Verordnungen noch nicht eindeutig geklärt sind oder wichtige Elemente, wie die Datenbank Eudamed noch gar nicht zur Verfügung stehen. Größte Herausforderung sind aber nach wie vor die Benannten Stellen, deren Beurteilung Voraussetzung für eine Zertifizierung eines Medizinproduktes mit dem CE-Kennzeichen ist. Dies gilt im besonderen Maße für die IVDR, die im kommenden Mai in Kraft treten soll. Durch die fehlenden Benannten Stellen für IVDR ist es vielen Herstellern unmöglich, vorgeschriebene Konformitätsbewertungsverfahren rechtzeitig durchzuführen. Ich finde es daher ein gutes Signal an die Hersteller, dass die Europäische Kommission jetzt den Vorschlag an das Europäische Parlament und den Rat herangetragen hat, die IVDR schrittweise umzusetzen. Es ändert sich zwar nichts grundsätzlich an der Verordnung, schafft aber mit Sicherheit dem einen oder anderem Unternehmen etwas Luft.

Rheinland-Pfalz ist es ein großes Anliegen, gute Rahmenbedingungen für die Medizintechnikbranche am Wirtschaftsstandort Rheinland-Pfalz zu schaffen und somit Standorte und Arbeitsplätze zu sichern und weiter zu fördern. Auch wenn es sich bei der MDR und IVDR um europäische Normen handelt, auf die das Wirtschaftsministerium keinen Einfluss hat, haben wir dennoch in den letzten Jahren eine Reihe von Maßnahmen zur Unterstützung der Branche auf den Weg gebracht.

Welche Unterstützung bieten Sie an bzw. welche Initiativen haben Sie im Bereich der Medizintechnik gestartet?

Hier möchte ich direkt auf unser MDR-Forum verweisen, mit dem das Wirtschaftsministerium in Kooperation mit unseren Partnern, der Universitätsmedizin Mainz sowie Innonet Health Economy e.V., dem Netzwerk der Gesundheitswirtschaft Rheinland-Pfalz, die Medizintechnikunternehmen in Rheinland-Pfalz bei der Umsetzung der MDR und IVDR in der Praxis unterstützt. Es zeichnet sich insbesondere durch seinen hohen Praxisbezug sowie den fachlichen Dialog mit Experten aus den am Verfahren beteiligten Behörden und Institutionen aus und richtet sich an alle Entwickler oder Hersteller von Medizinprodukten, an kleine und mittelständige Unternehmen (KMU) und Startups, aber auch an Anwender von Medizinprodukten in Klinik, Praxis oder Apotheken. Mit dem MDR-Forum greifen wir die aktuellen Fragestellungen der Unternehmen rund um die MDR und IVDR auf. Wir möchten auf diesem Wege den Unternehmen praxisnahe Informationen an die Hand geben und Lösungswege für die rheinland-pfälzischen Unternehmen aufzeigen. Am 2. Dezember 2021 fand es zum fünften Mal statt – pandemiebedingt wieder als digitale Veranstaltung. Wir sind stolz darauf, dass wir diesmal mehr als 200 Teilnehmer begrüßen konnten und was uns besonders stolz macht, dass es auch über die Landesgrenzen von Rheinland-Pfalz hinaus regen Zuspruch findet.

Weiterhin finden seit November 2020 die virtuellen MDR-Sprints statt. Sie sind ein zusätzliches, zeitlich sehr gerafftes Angebot von Innonet für die Medizintechnikbranche Rheinland-Pfalz in dem immer eine konkrete Fragestellung zur MDR im Mittelpunkt steht. Die MDR-Sprints fördern den fachlichen Austausch mit Experten sowie untereinander und zeigen zielorientiert praxisnahe Lösungen auf.

Mit der Medtech Rheinland-Pfalz als Branchentagung der Medizintechnik in Rhein-land-Pfalz haben wir eine weitere erfolgreiche Veranstaltung etabliert. Sie fördert die enge Zusammenarbeit zwischen Medizintechnikunternehmen, IT-Unternehmen, Dienstleistern, Instituten, Behörden und Krankenkassen, um bedarfsorientierte Produkt- und Prozessinnovationen in der Medizintechnik zu realisieren. Hier greifen wir aktuelle Themen der Medizintechnik, wie z.B. Künstliche Intelligenz und Robotik oder Internationale Marktchancen auf. Mit der Medtech leistet das Wirtschaftsministerium einen aktiven Beitrag zur Stärkung der medizintechnischen Forschung und Entwicklung und trägt aktiv dazu bei, dass die Leistungsfähigkeit der Gesundheitswirtschaft Rheinland-Pfalz gestärkt sowie die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Branche am Standort Rheinland-Pfalz ausgebaut wird.

Solche Veranstaltungen funktionieren ja nur, wenn ein entsprechendes Netzwerk dahintersteht. Wie gelingt das in Rheinland-Pfalz?

Ein starkes Netzwerk innerhalb der Gesundheitswirtschaft Rheinland-Pfalz ist der Verein Innonet Health Economy e. V. Er wird durch das Wirtschaftsministerium in einer 3. Phase für den Aufbau hin zu einem Innovationscluster für die Gesundheitswirtschaft Rheinland-Pfalz gefördert. Hier vereinen sich die Akteure der Gesundheitswirtschaft Rheinland-Pfalz zum Austausch und für Kooperationen zum Anstoßen neuer innovativer Projekte.

Die Zusammenarbeit des Wirtschaftsministeriums mit der Universitätsmedizin in Mainz und Innonet HealthEconomy e.V. fördert den fachlichen Austausch in allen Themen der Gesundheitswirtschaft. Das Einbringen unterschiedlichen Wissens ermöglicht es uns, der Medizintechnikbranche Rheinland-Pfalz ein bedarfsgerechtes Angebot an fachlichen Informationsveranstaltungen zur Verfügung zu stellen, um so die Wettbewerbsfähigkeit der rheinland-pfälzischen Gesundheitswirtschaft und damit den Standort Gesundheitswirtschaft Rheinland-Pfalz zu stärken.

Herr Dr. Hummrich, vielen Dank für das Gespräch.

Ergänzendes zum Thema
Zur Person: Dr Martin Hummrich

Dr. Martin Hummrich wurde in Hiltrup bei Münster geboren. Nach Abitur am altsprachlichen Rudi-Stephan-Gymnasium in Worms und Zivildienst schloss er 1998 das Studium der Rechtswissenschaften an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz mit der ersten juristischen Staatsprüfung ab. Von 1998 bis 2001 promovierte er im Völkerrecht bei Prof. Dr. Walter Rudolf. Im Anschluss an das Referendariat im Land Rheinland-Pfalz mit dem Wahlfach Europarecht schloss er 2001 seine Ausbildung mit der zweiten juristischen Staatsprüfung ab. 2002 begann Dr. Hummrich seine berufliche Laufbahn als Richter beim Verwaltungsgericht Koblenz. 2004 wechselte er in den Wissenschaftlichen Dienst des Landtags Rheinland-Pfalz. Dort betreute er mehrere Fachausschüsse, unter anderem den Ausschuss für Wirtschaft und Verkehr, den Haushalts- und Finanzausschuss, den Wissenschafts- und den Bildungsausschuss sowie die Untersuchungsausschüsse „Arp“ und „Nürburgring“. Außerdem verfasste er Rechtsgutachten im Öffentlichen Recht und Stellungnahmen in Verfahren vor dem Verfassungsgerichtshof Rheinland-Pfalz und dem Bundesverfassungsgericht. Von 2014 bis 2016 leitete er in der Landtagsverwaltung eine Organisationsuntersuchung zu den parlamentarischen Kernprozessen und übernahm ab Mai 2016 die Leitung der Referatsgruppe Parlamentarischer Dienst. Zuletzt war er stellvertretender Leiter der Abteilung P – Parlament, bevor er im Frühjahr 2018 als Abteilungsleiter der Abteilung 2 – Wirtschaftsordnung, Berufliche Bildung in das Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau Rheinland-Pfalz wechselte. Im Dezember 2020 übernahm Dr. Hummrich dort die Leitung der Abteilung 4 – Mittelstand, Innovation.

Weitere Artikel zur Medizintechnik-Szene finden Sie in unserem Themenkanal Szene.

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