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Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik Deals in der Covid-19-Pandemie – Aktuelle Trends im deutschen Gesundheitsmarkt

Autor / Redakteur: Dr. Stephan Rau, Dr. Deniz Tschammler / Julia Engelke

Die Covid-19-Pandemie hat Auswirkungen auf die M&A-Aktivitäten in der Gesundheitsbranche – gute oder schlechte? Welche Trends haben sich herausgebildet? Und worauf müssen sich Unternehmen bei den Deals einstellen? Ein Überblick.

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Die aktuellen M&A-Trends im deutschen Gesundheitsmarkt sind vielschichtig und nicht zuletzt geprägt von der Covid-19-Pandemie. (Symbolbild)
Die aktuellen M&A-Trends im deutschen Gesundheitsmarkt sind vielschichtig und nicht zuletzt geprägt von der Covid-19-Pandemie. (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei / Pexels )

Nachdem vor gut einem Jahr die Covid-19-Pandemie Europa erreicht hatte, geriet auch der deutsche Gesundheitsmarkt in eine kurze Schockstarre. Der erste Lockdown im März 2020 führte dazu, dass eine Reihe von laufenden oder geplanten Transaktionsvorhaben im Gesundheitssektor abgebrochen oder verschoben wurden. Hiervon betroffen waren sämtliche Märkte der Gesundheitswirtschaft, darunter Gesundheitsdienstleister (Krankenhäuser, Praxen, medizinische Versorgungszentren), die zunächst erhebliche Umsatzeinbußen hatten. Selbst Transaktionen im Pharma- und Medizinproduktesektor einschließlich im Bereich digitaler Versorgungskonzepte stockten.

Der anfänglichen Zurückhaltung folgte jedoch schnell die Erkenntnis, dass man Antworten auf die Covid-19-Pandemie vor allem im Gesundheitsmarkt finden könnte: Eine Antwort auf die steigenden Fall- und Todeszahlen durch Fortschritte in der Diagnostik, Prävention und Behandlung von Covid-19, aber auch eine Antwort auf die negativen Begleitumstände der Pandemie, etwa die Überwindung von Kontaktbeschränkungen durch die telemedizinische Leistungserbringung oder die Behandlung psychischer Erkrankungen durch digitale Gesundheitsanwendungen.

Diese Erkenntnis führte dazu, dass die M&A-Aktivitäten im Gesundheitsbereich schon im zweiten Quartal 2020 Fahrt aufnahmen und das Investitionsklima bis heute wieder sehr positiv ist – trotz der auch in absehbarer Zeit noch nicht überwundenen Unsicherheiten in der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Prominente Beispiele für Finanzinvestitionen, die inmitten der Krise vollzogen wurden, sind der mehrheitliche Erwerb der französischen Krankenhauskette Elsan durch KKR (im Juli 2020; Volumen: ca. 3,3 Milliarden Euro), der Erwerb des auf neurologische Erkrankungen spezialisierten Pharmaunternehmens Neuraxpharm durch Permira (im September 2020; Volumen: ca. 1,5 Milliarden Euro) und der Erwerb des schwedischen Auftragsherstellers Recipharm durch ein von EQT geführtes Konsortium (im Dezember 2020; Volumen: ca. 2,4 Milliarden Euro). Bekannte strategische Investitionen der jüngeren Vergangenheit sind die Erwerbe der Biotech-Unternehmen MYR durch Gilead und NBE-Therapeutics durch Boehringer Ingelheim (jeweils im Dezember 2020; Volumen: jeweils ca. 1,1 Milliarden Euro).

Der Gesundheitssektor hat damit in den vergangenen Monaten unter Beweis gestellt, dass er zu den wichtigsten und krisensichersten Zukunftsindustrien zählt. Als Markt für Investitionen, Transaktionen und Kooperationen hat er eine herausragende Bedeutung für Private-Equity-Häuser ebenso wie für Strategen.

Die aktuellen M&A-Trends im deutschen Gesundheitsmarkt sind vielschichtig. Manche haben sich erst im unmittelbaren Kontext der Covid-19-Pandemie entwickelt. Andere haben bereits vorher eingesetzt, sind aber durch die Umstände der Pandemie eher beschleunigt als gebremst worden. Wir geben einen kurzen Überblick zu den aus unserer Sicht wesentlichen Trends.

Weniger Mega-Deals

Vielleicht war es doch der Vorsicht investierender Unternehmen geschuldet, dass echte Mega-Deals im europäischen Gesundheitsmarkt seit Beginn der Pandemie zunächst ausgeblieben sind. Während in den Jahren 2018 und 2019 noch Transaktionen jenseits eines Volumens von 50 Milliarden Euro zu verzeichnen waren (allen voran die Übernahmen von Allergan durch Abbvie und von Shire durch Takeda), gab es im Jahr 2020 einen einzigen Deal in einer Größenordnung von 5 Milliarden Euro, nämlich den Erwerb des französischen Tiergesundheitsunternehmens Ceva Sante Animale durch das japanische Handelsunternehmen Mitsui. Wann Investoren wieder die Summen aus den Vorjahren zu zahlen bereit sind, bleibt abzuwarten. Immerhin steht derzeit im Bereich der Medizintechnik der Erwerb von Varian Medical Systems durch Siemens Healthineers vor dem Abschluss, der bei anspruchsvoller Bewertung ein Volumen von ca. 16,4 Milliarden US-Dollar haben wird. Der Entwicklung des Aktienkurses von Siemens Healthineers hat diese Nachricht nicht geschadet.

Mehr Kooperationen

Im Kampf gegen Covid-19 setzt die Pharma- und Biotechindustrie auf Kooperationen. Im Markt für Impfstoffe haben sich vielversprechende Entwickler frühzeitig mit forschenden Arzneimittelherstellern verbündet; medienwirksame Beispiele sind die Partnerschaften zwischen Biontech und Pfizer, Curevac und Bayer oder Glaxo-Smith-Kline und Sanofi. Soweit Impfstoffe gegen Covid-19 vor der Zulassung stehen oder bereits zugelassen sind, zielen Kooperationen vor allem darauf, eine zügige und massenhafte Produktion des Impfstoffs zu ermöglichen, um die derzeit außergewöhnliche Nachfrage in den globalen Gesundheitsmärkten bedienen zu können. Exemplarisch hierfür steht Biontech, die sich seit Herbst 2020 ein großflächiges Produktionsnetzwerk aufbauen – zuletzt unter anderem durch Unterstützung von Firmen wie Sanofi, Novartis und Siegfried, die über substanzielle Herstellkapazitäten verfügen. Auch im Markt der Therapeutika gibt es inzwischen zahlreiche Kooperationen innerhalb der Pharma- und Biotechindustrie. Die Branche wird ihre Kräfte auch weiterhin bündeln, um die Pandemie flächendeckend bekämpfen zu können. Aus M&A-Sicht bleibt dies vor allem ein Spielfeld für Strategen.

Auftrieb für die Telemedizin

Die Telemedizin ist längst auf dem Weg zu einem Schlüsselmarkt, nachdem der Gesetzgeber hierfür sukzessive die regulatorischen Rahmenbedingungen geschaffen hat. Durch die Pandemie hat die Telemedizin einen weiteren Schub bekommen. Im erweiterten Marktumfeld der Telemedizin haben sich in der jüngeren Vergangenheit eine Reihe von digitalen Gesundheitskonzepten herausgebildet, die unter dem Schlagwort Digital Health zusammengefasst werden können. Dazu zählen Software-Anwendungen auf mobilen Endgeräten, die Nutzer im Alltag einsetzen können, um Erkrankungen vorzubeugen oder zu behandeln. Solche Anwendungen, durch die zunehmend eine echte medizinische anstelle einer bloßen Lifestyle-Beratung erfolgt, adressieren beispielsweise den Umgang mit Fettleibigkeit, Depressionen oder auch neurologischen Erkrankungen. Sie haben in der Covid-19-Pandemie erheblich an Praxisrelevanz gewonnen. Begünstigt wurde dieser Markt durch den Gesetzgeber, der im vergangenen Jahr den Grundstein für die Erstattung digitaler Gesundheitsanwendungen im System der gesetzlichen Krankenversicherung gelegt hat. Ein ähnliches Erstattungsregime wurde zuletzt auch für digitale Pflegeanwendungen geschaffen. Die deutsche Digital-Health-Branche ist im Moment noch von einer starken Start-up-Szene geprägt. Ihr Durchbruch ist bislang ausgeblieben, auch weil Teile der Ärzteschaft dem Konzept der digitalen Medizin mit Skepsis begegnen. Wie sich die Branche entwickeln wird und ob sie ein attraktives Feld für Investoren werden kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

KI entwickelt sich rasant

Durch die Covid-19-Pandemie weitgehend unbeeinträchtigt sind die rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) und des Machine Learning, von denen viele medizinische Bereiche – darunter etwa die Entwicklung von Medikamenten, die Diagnostik und die personalisierte Medizin – in den nächsten Jahren erheblich profitieren werden. Die Entwicklung und Herstellung von medizinischer KI zählt schon heute zu den größten Investitionsmärkten. Dies zeigt exemplarisch der bevorstehende strategische Erwerb von Varian Medical Systems, einem im Silicon Valley ansässigen Entwickler von Hardware- und Softwaresystemen für die Strahlentherapie, durch Siemens Healthineers.

Infrastruktur weiter auf Wachstumskurs

Auf einem unverändert starken Wachstumskurs befinden sich schließlich diejenigen Märkte, die digitale Infrastruktur für das Gesundheitswesen zur Verfügung stellen. Dazu zählen Anbieter von Arzt- und Krankenhausinformationssystemen und sonstigen modernen Informations- und Kommunikationstechnologien (sog. E-Health-Sektor), Hersteller von Hardware- oder Software-Komponenten für die Telematikinfrastruktur oder Dienstleister im Bereich der IT-Sicherheit. Die Geschäftsfelder dieser Unternehmen profitieren von der fortschreitenden Digitalisierung des Gesundheitsmarkts sowie von zunehmend strengeren regulatorischen Vorgaben für alle Marktteilnehmer, etwa in den Bereichen Datenschutz und Cybersecurity.

All diesen Märkten der Gesundheitswirtschaft ist gemein, dass sie regulatorisch komplex sind und einer besonderen Dynamik unterliegen. Für Investoren ist deshalb unabdingbar, dass sie die Märkte aufmerksam studieren und stets am Puls der Zeit bleiben. Für die kommerzielle Bewertung eines Marktteilnehmers und eine fundierte Investitionsentscheidung benötigen Investoren – mehr noch als in anderen Industrien – eine hervorragende Branchenkenntnis und regulatorische Expertise.

Weitere Artikel zur Führung von Medizintechnik-Unternehmen finden Sie in unserem Themenkanal Management.

* Die Autoren: Dr. Stephan Rau und Dr. Deniz Tschammler sind als Rechtsanwälte bei der Sozietät McDermott Will & Emery in München tätig.

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