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Mergers & Acquisitions Covid-19-Pandemie beeinflusst M&A im Gesundheitsmarkt

Ein Gastbeitrag von Stephan Rau, Lea Hachmeister und Deniz Tschammler*

Nachdem zu Beginn der Covid-19-Pandemie noch eine gewisse Zurückhaltung auf Seiten der Investoren zu erkennen war und Transaktionen teilweise unterbrochen oder aufgeschoben wurden, hat sich der M&A-Markt im vergangenen Jahr akklimatisiert. Wie sehr die Pandemie die M&A-Transaktionen im Gesundheitsmarkt beeinflusst hat, erläutern die Rechtsanwälte von McDermott Will & Emery in einem Gastbeitrag.

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Das Interesse von Strategen und Finanzinvestoren an Deals im Gesundheitsmarkt steigt. (Symbolbild)
Das Interesse von Strategen und Finanzinvestoren an Deals im Gesundheitsmarkt steigt. (Symbolbild)
(Bild: Andrea Piacquadio/gemeinfrei / Pexels )

Kaum eine Branche unterliegt einem derart starken Wandlungsprozess wie der Gesundheitsmarkt. Ein zentraler Grund hierfür ist die rasant fortschreitende Digitalisierung, die traditionelle Marktstrukturen in Frage stellt, die Effizienz der Gesundheitsversorgung signifikant steigert und dem Gesundheitswesen mittelfristig ein neues Gesicht geben wird. Der zunehmende Eintritt digitaler Produkte und Dienstleistungen (Digital Health) spielt folglich auch bei M&A-Transaktionen eine immer stärkere Rolle. Das Interesse von Strategen und Finanzinvestoren an der überdurchschnittlich wachsenden Branche ist ungebrochen.

Die Covid-19-Pandemie war und ist ein Beschleuniger für Digital Health – in Deutschland, Europa und weltweit. Die Healthcare-Branche und eine Vielzahl von Pharma- und Medizintechnikunternehmen, etwa Hersteller von Covid-19-Impfstoffen, Schutzmasken oder PCR-Tests, haben bei der Bekämpfung der Pandemie eine erhebliche Rolle gespielt. Diese Entwicklungen haben den Gesundheitsmarkt im vergangenen Jahr – möglicherweise mehr denn je – zu einer attraktiven Plattform für Transaktionen und Kooperationen gemacht. Nachdem zu Beginn der Covid-19-Pandemie noch eine gewisse Zurückhaltung auf Seiten der Investoren zu erkennen war und Transaktionen teilweise unterbrochen oder aufgeschoben wurden, hat sich der M&A-Markt im vergangenen Jahr endgültig akklimatisiert. Die Pandemie wird seither mehr als Chance denn als Risiko für strategisch wertvolle Investitionen betrachtet.

Covid-19-Märkte

Ein großer Wachstumsmarkt war im vergangenen Jahr die Labormedizin, die massiv von der hohen Nachfrage nach PCR-Tests profitiert. In diesem Markt wurde zum Ende des vergangenen Jahres die bislang wohl größte Private-Equity-Transaktion im europäischen Gesundheitsmarkt abgeschlossen, als die A.P. Møller Holding, Eigentümerin des dänischen Schifffahrtsriesen Mærsk, gemeinsam mit dem Private-Equity-Fonds Apax Partners die Unilabs-Gruppe Presseberichten zufolge zu einem Kaufpreis von ca. 5 Milliarden US-Dollar erworben hat.

Künstliche Intelligenz vor dem Wachstum

Es besteht Einigkeit darin, dass Künstliche Intelligenz (KI) die Zukunft der Medizintechnik ist, insbesondere im Bereich der Prävention und Früherkennung von schwerwiegenden Erkrankungen. Dem Markt wird weltweit großes Wachstum in den kommenden Jahren prophezeit. Medizintechnikhersteller wie Siemens Healthineers, Philips oder GE Healthcare haben diesen Trend längst erkannt und eigene Algorithmen entwickelt, die sie fortlaufend mit Gesundheitsdaten „trainieren“. Auch der europäische Gesetzgeber hat auf die zunehmende Bedeutung von KI reagiert und eine Verordnung zur Regulierung Künstlicher Intelligenz auf den Weg gebracht.

Der Fokus vieler Investoren liegt auf Unternehmen, die vielversprechende KI-basierte Früherkennungs- und Diagnosekonzepte entwickeln. Das Schweizer Dermatologie-Unternehmen Online Doctor hat im Februar 2022 das Tübinger KI-Start-up Assist übernommen. Online Doctor ist auf die Erkennung von Hauterkrankungen spezialisiert. Bosch hat im November 2021 durch ihre Venture-Capital-Tochter eine Beteiligung an Variantyx erworben – ein Unternehmen, das KI zur Behandlung von Krebserkrankungen entwickelt.

Online-Plattformen und Telemedizin

Die ärztliche Fernbehandlung, die im Zuge der Covid-19-Pandemie weiter liberalisiert wurde, erlebt in Form von Online-Sprechstunden einen Boom in Deutschland. Nachdem im Jahr 2019 lediglich 3.000 Telekonsultationen stattfanden, stieg die Zahl der Fernbehandlungen im Jahr 2020 auf 1,4 Millionen. Online-Sprechstunden sind damit auf dem besten Weg zum neuen Standard, jedenfalls in einfach gelagerten Behandlungsfällen.

Im Einklang mit diesen Entwicklungen ist derzeit viel Bewegung im Markt der Telemedizin-Anbieter. Neben den bereits etablierten Plattformen wie Tele-Clinic, Kry und Zava wird künftig auch Doktor.de ärztliche Fernbehandlung vermitteln. Im Markt der Buchungsplattformen für Arzttermine hat das französische Unternehmen Doctolib das Technologie-Start-up Tanker zu einem Kaufpreis von ca. 30 Millionen Euro übernommen, um mehr Sicherheit im Umgang mit Patientendaten zu gewährleisten.

Finanzierungsrunden in der Start-up-Szene

Im Bereich Digital Health gab es zuletzt exorbitante Finanzierungsrunden zu Gunsten verschiedener Start-up-Unternehmen. Im Rahmen der zehn größten Finanzierungsrunden sammelten junge Unternehmen im Jahr 2021 mehr als eine halbe Milliarde Euro ein. Zum Vergleich: Im Jahr 2020 kam man auf gerade einmal 139 Millionen Euro. Allein das Berliner Start-up Ada Health erweiterte kürzlich seine Serie-B-Finanzierungsrunde auf rund 105 Millionen Euro. Die Bayer AG ist mit rund 75 Millionen Euro an Ada Health beteiligt. In der App des Unternehmens können Nutzer ihre Symptome eingeben, die dann auf Basis einer KI ausgewertet werden. Nutzer erhalten Hinweise auf eine mögliche Erkrankung sowie Behandlungstipps.

Weitere Artikel zur Führung von Medizintechnik-Unternehmen finden Sie in unserem Themenkanal Management.

* Die Autoren: Dr. Stephan Rau, Dr. Lea Hachmeister und Dr. Deniz Tschammler sind als Rechtsanwälte bei McDermott Will & Emery in München und Frankfurt am Main tätig.

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