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Mergers & Acquisitions in der Medizintechnik (Teil 4): M&A im 2. Halbjahr 2015

| Autor/ Redakteur: Dr. Christian Bridts / Peter Reinhardt

Der Blick auf das Transaktionsgeschehen sollte fest verankerter Bestandteil der strategischen Umfeldanalyse sein. Auffallend viele Aktivitäten gab es im zweiten Halbjahr 2015 zu beobachten. Wer hat wen oder was wann warum gekauft beziehungsweise verkauft?

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Wertmäßig dominieren im 2. Halbjahr 2015 strategische Richtungsentscheidungen von Konzernen wie die Veräußerung der Diabetes-Sparte (Blutzuckermessgeräte) von Bayer an Panasonic Healthcare (KKR 80 Prozent) für rund eine Milliarde Euro.
Wertmäßig dominieren im 2. Halbjahr 2015 strategische Richtungsentscheidungen von Konzernen wie die Veräußerung der Diabetes-Sparte (Blutzuckermessgeräte) von Bayer an Panasonic Healthcare (KKR 80 Prozent) für rund eine Milliarde Euro.
( Bild: Bayer )

Mergers & Acquisitions (M&A) zählen nicht zum unternehmerischen Alltag. Auf den ersten Blick stellen sie nur für die involvierten Unternehmen entscheidende Weichenstellungen dar, häufig beeinflussen sie aber auch die Struktur ganzer Branchensegmente und bringen damit auch für ursprünglich nicht beteiligte Unternehmen wesentliche Veränderungen. Daher sollte der Blick auf das Transaktionsgeschehen stets auch Bestandteil der strategischen Umfeldanalyse sein.

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Transaktionsaktivitäten der Medizintechnikbranche nehmen zu

Im zweiten Halbjahr 2015 hat die Transaktionsaktivität der Medizintechnikbranche in der DACH-Region mit 27 Übernahmen und Beteiligungen auf beeindruckende Weise zugelegt. Wertmäßig dominieren weiterhin strategische Richtungsentscheidungen von Konzernen wie Bayer (Veräußerung der Diabetes-Sparte) und Linde (Übernahme der American Home Patient) und insbesondere die Übernahme von Sirona Dental durch Dentsply für 5,6 Mrd. US-Dollar. Aber auch die eher kleineren und mittleren Transaktionen werfen interessante Schlaglichter auf die Branche. So arbeitet beispielsweise die Freudenberg-Gruppe weiter an ihrer Positionierung als globaler Hersteller von Spezialkomponenten und Systemen für die Medizintechnik- und die Pharmaindustrie. Jüngster Coup war die Mehrheitsbeteiligung an der Hemoteq AG in Würselen, einem der weltweit führenden Anbieter von Beschichtungstechnologien und -dienstleistungen für Medizinprodukte.

Monatelanges öffentliches Bietergefecht um Balda

Erneut an Dynamik zugelegt haben Private-Equity-Häuser, die direkt oder indirekt (Add-On-Erwerbe von Portfoliogesellschaften) an nahezu der Hälfte der Transaktionen beteiligt waren. Aktivster strategischer Erwerber war die BSN mit drei kleineren Übernahmen in den Bereichen Phlebologie und Woundcare. Auf Verkaufsseite war der Anteil von Nachfolgelösungen im zweiten Halbjahr 2015 überschaubar. Jedoch haben sich einige mittelständische Adressen für einen (teilweisen) Rückzug aus der Medizintechnik entschieden – darunter Trilux und zweifellos mit dem größten Aufsehen auch Balda, die ein monatelanges öffentliches Bietergefecht inszenierten und sich nach letztem Stand mit Stevanato einig wurden.

Zukäufe kompensieren fehlende Wachstumsimpulse aus eigener Kraft

Insgesamt hat die Konsolidierung einzelner Marktsegmente erheblich Schwung erhalten. Treiber dieser Entwicklung ist unter anderem der anhaltende Preisdruck von Einkaufsgemeinschaften durch Ausschreibungen der Krankenhäuser und durch globale Wettbewerber. Gerade die Herausforderungen kleinerer und mittlerer Unternehmen durch die fortwährende Konzentration und resultierende „Klumpenprobleme“ auf Kundenseite bleiben ein Dauerthema. Innovation findet zudem vermehrt Technologie-übergreifend in neuen Partnerschaften zwischen Medizintechnologie und IT, Sensorik, Oberflächentechnologie etc. statt. Zugleich sind Quantensprunginnovationen in der Medizintechnik selbst mittlerweile eher Mangelware, weshalb fehlende Wachstumsimpulse aus eigener Kraft in vielen Fällen durch Wachstum per Unternehmenszukauf ersetzt werden. Der wachsende Zwang, Kunden statt einzelner Produkte vermehrt Komplettlösungen – und diese idealerweise parallel für die wesentlichen internationalen Märkte – anzubieten, führt selbst in noch innovativen Bereichen wie der Woundcare dazu, dass kleinere Adressen unter das Dach starker Partner schlüpfen müssen, um ihre Entwicklungen erfolgreich vermarkten zu können.

Eine Abschwächung dieser Einflüsse ist derzeit nicht abzusehen, sie dürften weiterhin für Zusammenschlüsse sorgen. Im wesentlichen stabile Finanzmärkte vorausgesetzt, sollten diese Treiber in Verbindung mit der nicht selten hinausgezögerten Entscheidung über die unternehmerische Nachfolge für eine weiterhin aktive Transaktionstätigkeit im Mittelstand sorgen.

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Expertenmeinung: Konsolidierung bei Medtech-Zulieferern

In der Medizintechnik-Zulieferindustrie sind zunehmend Konsolidierungsmaßnahmen festzustellen. Was sind die Auslöser, wo liegen die Grenzen? Dr. Max Kley ist als President von Freudenberg Medical zuständig für M&A und erläutert die Hintergründe.

  • Auslöser der Fusionswelle: Medizintechnik-OEMs schließen sich zu immer größeren Einheiten zusammen, um der Einkaufsmacht und der Bündelung von Einkaufsvolumina seitens der Endkunden zu begegnen. Diess verlangen vermehrt internationale Belieferung und eine größere Bandbreite an Kompetenzen für komplexere Medizinprodukte. Zudem begünstigen steigende regulatorische Anforderungen größere Marktteilnehmer auch auf Zuliefererebene.
  • Begünstigende Faktoren: Kapital für Akquisitionen ist derzeit äußerst günstig. Dagegen sind die Firmenbewertungen derzeit historisch hoch und machen Verkäufe attraktiv. Finanzinvestoren schätzen den Medizintechnikmarkt aufgrund seines stabilen Cashflows und treten im Rahmen von Buy-and-Build-Strategien als Konsolidierer auf. Viele Unternehmen stehen momentan vor der Frage der Nachfolge bzw. am Ende des Investitionshorizonts der Anleger.
  • Ausblick/Grenzen: Der Markt zeigt Anzeichen von Überhitzung. Das führt bei einigen Investoren zu Torschlusspanik. Sie haben Sorge, keine akzeptablen Ziele mehr zu finden. Jedoch sind die äußerst hohen Bewertungen angesichts der niedrigeren Wachstumsraten in entwickelten Märkten nicht mehr gerechtfertigt. Weiteres Problem: Zinserhöhungen der US-Notenbank stehen bevor und werden Kapital verteuern. Auch gibt es erste Warnzeichen, dass sich nicht alle Erwartungen in die Entwicklung der erworbenen Unternehmen erfüllen. Fazit: „Die Party nähert sich dem Ende.“
  • www.freudenbergmedical.de

    Erhalt der Wettbewerbsposition erfordert einen strategischen Plan

    Nach sechs Jahren konjunkturellen Aufschwungs dürfte bei Adressen, die nicht über die Ressourcen für eigenes Wachstum oder Zukäufe verfügen, zudem die Neigung steigen, die derzeitigen attraktiven Kaufpreise mitzunehmen, bevor eine deutlichere Korrekturphase im Markt für Unternehmen droht. Abschwünge reduzieren die gehandelten Multiplikatorbewertungen typischerweise an beiden Enden gleichzeitig, durch geringere Ergebnisgrößen und durch geringere Vielfache, mit denen diese Ergebnisse multipliziert werden. Sie stand-alone unbeschadet durchzustehen, um dann den nachfolgenden Aufschwung wieder mitnehmen zu können, erfordert einen umsetzbaren strategischen Plan, der sicherstellt, dass die Wettbewerbsposition erhalten und gefestigt werden kann.

    Medizintechnik-M&A des zweiten Halbjahres 2015 zum Download

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