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Amerika wählt

| Autor: Kathrin Schäfer

Am 8. November wählt Amerika einen neuen Präsidenten – oder eine Präsidentin. Während Donald Trump Obamas Gesundheitsreform wieder aufheben möchte, will Hillary Clinton sie weiter ausbauen. Gleichzeitig sind in Europa die Verhandlungen um TTIP im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Inwiefern ist das alles relevant für die deutsche Medizintechnik?

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Das Wahlergebnis in den
 USA wird sich auch auf
 die Wirtschafts- und
 Handelsbeziehungen 
 mit der deutschen 
Medizintechnik-Industrie 
auswirken.
Das Wahlergebnis in den
 USA wird sich auch auf
 die Wirtschafts- und
 Handelsbeziehungen 
 mit der deutschen 
Medizintechnik-Industrie 
auswirken.
(Bild: © spiritofamerica_2007 VisionsofAmerica.com/Joe Sohm. All Rights Reserved. (800) SOHM-USA (764-6872) - fotolia)

Der US-amerikanische Gesundheitsmarkt ist der größte weltweit. Für die deutsche Medizintechnik, die rund zwei Drittel ihres Umsatzes im Ausland generiert, ist das Land der wichtigste Absatzmarkt. Dies belegen die Zahlen der GTAI, Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing: Auf 130 Mrd. US-Dollar wurde der Markt 2014 veranschlagt. Bis 2018 soll er jährlich um zirka 6 Prozent wachsen. Grund dafür sind nicht nur Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen, die in den westlichen Industrieländern stetig zunehmen. Auch der vielzitierte demografische Wandel, der speziell in den USA die bevölkerungsreiche und wohlhabende Generation der Baby-Boomer altern lässt, trägt sein Übriges dazu bei.

Die USA sind der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Medizintechnikfirmen

Deutsche Medizintechnikfirmen haben im Jahr 2014 Medizintechnik im Wert von knapp 3,3 Mrd. Euro in die USA exportiert, so die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Zum Vergleich: Auf den zweitwichtigsten Absatzmarkt, China, entfällt lediglich Medizintechnik im Wert von etwa einem Drittel des Volumens, das in die USA exportiert wird. Oder, anders gesagt: Knapp ein Fünftel, nämlich 19 Prozent der deutschen Produktion werden in die USA exportiert.

Doch auch jenseits des Absatzmarktes blickt Europa – und damit Deutschland – über den Ozean: Denn in Sachen Regularien gibt die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA weltweit den Ton an. Will meinen: Sie fungiert als Maßstab für Entscheidungen in anderen Ländern und Märkten. Wenn es zum Beispiel darum geht, ob man das System der Benannten Stellen in Europa durch ein zentrales, staatliches Zulassungssystem ersetzen sollte, dann wird in der Regel das Vorbild USA für eine solche Diskussion herangezogen.

Ein weiteres Thema, das aktuell im Raum steht, ist das Handelsabkommen TTIP. Während Verbraucherverbände und weite Teile der Bevölkerung dagegen Sturm laufen, betonen Branchenverbände wie Spectaris die Vorteile, die ein solches Abkommen für die Medtech-Industrie böte. Auf dem Spectaris-Jahresempfang mit dem Motto „Eine Weltmacht vor der Entscheidung – Wie die Entwicklung der USA die Weltwirtschaft beeinflusst“ am 4. Oktober in Berlin war TTIP deshalb zentrales Thema. Redner an diesem Abend war unter anderem der amtierende Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland John B. Emerson.

Die Globalisierung lässt sich nicht zurückdrehen

Emerson unterstreicht in seiner Rede die Wichtigkeit von TTIP für die kleinen und mittleren Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks und ermahnt zugleich die Gegner des Abkommens. Die Globalisierung lasse sich nicht zurück in die Flasche stecken, jedoch könne man mit einem hochentwickelten Freihandelsabkommen die Regeln für den Einfluss der Globalisierung setzen. Er verweist aber auch auf die knappe Zeit, welche für einen erfolgreichen Abschluss des Abkommens noch verbleibt. Marcel Fratzscher, ausgewiesener USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, hebt in seinem Vortrag jedoch hervor, dass es keine Frage sei, ob ein solches Freihandelsabkommen geschlossen wird, sondern lediglich, wann dies geschehe.

Die große Bedeutung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Relevanz des zwischen den USA und der Europäischen Union angestrebten Freihandelsabkommens betont auch Tobias Weiler, Geschäftsführer von Spectaris: „Trotz der aktuellen Diskussionen um TTIP steht fest, dass wir nicht darauf verzichten sollten, für die positiven Effekte einer institutionalisierten Handelspartnerschaft zu werben. Ein Abkommen, welches zusätzliche Investitionspotenziale freisetzen würde und dessen Ziel es ist, bestehende Handelsbeschränkungen gerade auch für unsere mittelständischen Unternehmen zu beseitigen.“

Zurück zu den Präsidentschaftswahlen: Der in New York von beiden Verhandlungsführern versprühte Optimismus, die TTIP-Verhandlungen noch in diesem Jahr zu einem Abschluss zu bringen, ist aus Sicht des Industrieverbands Spectaris aufgrund eben jener nahenden Wahlen nicht nachvollziehbar. „Die einzige Möglichkeit, das Abkommen noch in diesem Jahr unter Dach und Fach zu bekommen, wäre, dass beide Seiten sich mit dem bisherigen Verhandlungsstand zufriedengeben“, sagt David Santorum von Spectaris. Dies würde jedoch zum befürchteten ‚TTIP Light‘ führen.

TTIP könnte deutschen Firmen den Marktzugang deutlich erleichtern

Spectaris hat sich bereits in der Vergangenheit gegen ein abgespecktes TTIP und für ein ambitioniertes Freihandelsabkommen ausgesprochen. Trotz der guten Handelsbeziehungen existieren immer noch bedeutende Handelsbarrieren, die den trans- atlantischen Handel hemmen. Gerade die sogenannten nicht-tarifären Handelshemmnisse – wie beispielsweise doppelte Marktzugangsverfahren oder unterschiedliche Normen und Standards – führen zu einem erheblichen Kosten- und Mehraufwand und belasten insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen – Stichwort Regulatory Affairs.

Sollte es in diesem Jahr keinen Abschluss der Verhandlungen geben, so sieht Spectaris die neu gewählte US-Regierung in der Pflicht, diese im kommenden Jahr wieder aufzunehmen. Der erfolgreiche Abschluss eines ambitionierten Freihandels- abkommens zwischen der EU und den USA müsse weiterhin das gemeinsame Ziel sein. Wie hoch Clinton oder Trump dieses Thema hängen, bleibt erst einmal abzuwarten. Auch was sie in Sachen Gesundheitsreform unternehmen, wird Auswirkungen auf die deutsche Medizintechnik haben. So sind mit „Obamacare“ zwar mehr Amerikaner krankenversichert. Gleichzeitig hat aber die am 1. Januar 2013 einführte „Medical Device Excise Tax“, eine Steuer auf bestimmte Medizinprodukte, den Absatz von Medizintechnik gebremst. Und schließlich gibt es, wie bei uns, im amerikanischen Gesundheitswesen einen hohen Druck, Ausgaben zu reduzieren. Ob also Gesundheitsreform oder Freihandelsabkommen – für deutsche Medizintechnikfirmen dürfte es in jedem Fall interessant sein, wer in den Vereinigten Staaten 45. Präsident wird – und was ganz oben auf seiner oder ihrer Agenda steht.

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