Assistenzsystem

Wenn der Rollator das Auto kommandiert

| Redakteur: Peter Reinhardt

Das Projekt „Passage“ (Personalisierte Mobilität, Assistenz und Service Systeme in einer alternden Gesellschaft) soll den problemlosen Wechsel vom einen Fortbewegungsmittel zum anderen ermöglichen
Das Projekt „Passage“ (Personalisierte Mobilität, Assistenz und Service Systeme in einer alternden Gesellschaft) soll den problemlosen Wechsel vom einen Fortbewegungsmittel zum anderen ermöglichen (Bild: Technische Universität München, Lehrstuhl für Baurealisierung und Robotik)

Mobil zu bleiben, fällt vielen älteren Menschen schwer: Der Weg vom Haus zum Bus ist zu weit oder die Unsicherheit über ihren Gesundheitszustand schreckt sie ab. Wissenschaftler und Unternehmen entwickeln nun ein Assistenzsystem, das Hilfsmittel wie Rollatoren, Haustechnik, speziell ausgerüstete Car-Sharing-Autos und öffentliche Verkehrsmittel miteinander verbindet. Darüber hinaus soll ein „Healthphone“ Gesundheitsdaten auswerten, Empfehlungen für die passende Mobilitätsform geben und notfalls Kontakt zu Hilfsdiensten herstellen.

Zwar gibt es inzwischen eine Menge Erleichterungen vom Treppenlift bis zum barrierefreien Einstieg in öffentliche Verkehrsmittel. Doch beweglich und damit auch fitter zu bleiben, scheitert oft daran, dass ein problemloser Wechsel vom einen Fortbewegungsmittel zum anderen nicht möglich ist.

Diese Lücken soll das Projekt „Passage" (Personalisierte Mobilität, Assistenz und Service Systeme in einer alternden Gesellschaft) nun schließen. Bundesforschungsministerin Annette Schavan hat gestern in Berlin eine Förderzusage über rund zwei Millionen Euro für das von der Technischen Universität München (TUM) und der Firma Citysax koordinierte Projekt übergeben.

Verschiedene Fortbewegungsmittel vernetzen

Einsatzbereit sein soll künftig eine Flotte von Kleinstwagen, die mit verschiedenen Funktionen auf hilfsbedürftige Nutzer eingestellt ist. „Ein Rollstuhlfahrer könnte zum Beispiel in seinem Stuhl vom Auto aufgenommen werden“, erklärt Projektkoordinator Prof. Thomas Bock vom TUM-Lehrstuhl für Baurealisierung und Baurobotik. Der Rollstuhl würde dann im Wagen arretiert werden, der Fahrer müsste gar nicht aufstehen. Da eine Umrüstung des eigenen Autos sehr teuer wäre, planen die Forscher ein Car-Sharing-System. Auch der Rollstuhl selbst könnte flexibler werden, indem er etwa im Supermarkt die Sitzhöhe den Regalen anpasst.

Die Mobilität erleichtern soll zudem die Vernetzung der einzelnen Fortbewegungsmittel untereinander und mit neuen Assistenzmodulen der Wohnung. „Vom Rollator aus könnte man dann die Auto- und die Haustür öffnen lassen oder einzelne Möbel steuern, wie beispielsweise höhenverstellbare Schränke“, sagt Prof. Matthias Kranz vom TUM-Fachgebiet Verteilte Multimodale Informationsverarbeitung. „Bedienen können die Nutzer diese Funktionen über ein Smartphone, das als Zentrale mit allen Elementen des Systems in Verbindung steht, Daten austauscht und verarbeitet.“

Smartphone wird zum Gesundheitstelefon

Gleichzeitig wird das Smartphone zum „Healthphone“. In den verschiedenen Hilfsmitteln und Fahrzeugen werden die Forscher Biosensoren installieren, die Gesundheitsdaten wie Blutdruck, Blutzucker oder Atemfrequenz messen und langfristig auswerten. Über das Gesundheitstelefon bekommen die Nutzer dann Tipps, wie und womit sie sich bewegen sollten. „Bei leicht erhöhten Blutzuckerwerten könnte das System dazu raten, ein paar Schritte mehr zu laufen – oder bei sehr hohen Werten die Einnahme von Medikamenten empfehlen“, sagt Prof. Martin Halle vom TUM-Lehrstuhl für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin.

„Wichtig ist, dass die Menschen so die Sicherheit bekommen, dass ihre Gesundheit nicht in Gefahr ist, wenn sie sich auf den Weg machen.“ Sollten sie unterwegs doch einmal Hilfe brauchen oder registriert das System bedrohliche Werte, soll über das Healthphone ein Notfalldienst verständigt werden. Dieser könnte auch einspringen, falls die Einkaufstüten zu schwer geworden sind oder wenn man im S-Bahnnetz die Orientierung verloren hat.

Bundesforschungsministerium fördert das Projekt „Passage“

Das Projekt hat ein Gesamtvolumen von 3,9 Millionen Euro. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung übernimmt rund zwei Millionen Euro als Beitrag zur Demografiestrategie der Bundesregierung. Davon geht rund eine Million an die drei beteiligten Lehrstühle der TUM. Weitere Projektpartner sind: Citysax Mobility GmbH, F. G. Streifeneder KG, Haag-Rehatechnik GmbH & Co. KG, Heidelberg Medical Marketing GmbH, Humanwissenschaftliches Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München, metaio GmbH, SOPHIA mit P.S. Südbayern gGmbH, Sunrise Medical GmbH.

Kontakt:

Technische Universität München, Lehrstuhl für Baurealisierung und Baurobotik (Prof. Thomas Bock)

D-80333 München

www.tum.de

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