Medtech meets Pharma

„Nicht miteinander zu sprechen, ist keine Option“

| Autor / Redakteur: Autor | Peter Reinhardt / Peter Reinhardt

Expertengespräch: Was beschleunigt das Zusammenwachsen von Medizintechnik und Pharma, was bremst die Annäherung der beiden Branchen? Dr. Michael Meyer, Siemens Healthcare, Prof. Dr. med. Christoph Alexiou, Universitätsklinikum Erlangen, Dr. Hardy Kietzmann, Sanofi-Aventis, und Peter Reinhardt, Devicemed (v.l.n.r.).
Expertengespräch: Was beschleunigt das Zusammenwachsen von Medizintechnik und Pharma, was bremst die Annäherung der beiden Branchen? Dr. Michael Meyer, Siemens Healthcare, Prof. Dr. med. Christoph Alexiou, Universitätsklinikum Erlangen, Dr. Hardy Kietzmann, Sanofi-Aventis, und Peter Reinhardt, Devicemed (v.l.n.r.). (Bild: Hübenbecker)

Was beschleunigt das Zusammenwachsen von Medizintechnik und Pharma, was bremst die Annäherung der beiden Branchen? Lesen Sie hier, was Experten dazu auf dem „1. Fachsymposium Medtech meets Pharma“ gesagt haben.

Das Zusammenwachsen der Medizintechnik- und Pharmaindustrie wird zurzeit viel diskutiert. Kein Wunder: Denn viele Unternehmen hoffen auf neue, erfolgversprechende Absatzmärkte. Am 21. Oktober haben sich Vertreter aus Medizintechnik, Pharma und Medizin in einem Expertengespräch den Fragen von Devicemed-Chefredakteur Peter Reinhardt gestellt. Auf dem Podium waren:

  • Dr. Michael Meyer, Vice President Health Policy und zugleich Vice President National Account Management bei Siemens Healthcare. Er sagt: „Die Akteure des Gesundheitswesens stehen unter enormem Kostendruck.“ Daher fordert er neue Denkansätze sowohl im Produkt- als auch im Prozessbereich.
  • Dr. Hardy Kietzmann ist Director Innovation bei der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH. Er sagt: „Es ist heute schon schwer genug, für reine Pharmaprodukte eine Erstattung zu erhalten. Auch wenn medizinisch Vieles möglich ist, muss das synergetische Potenzial potenzieller Kombinationsprodukte schon sehr hoch sein, damit sich der Aufwand lohnt.“
  • Prof. Dr. med. Christoph Alexiou ist Oberarzt der HNO-Klinik und Leiter der Sektion für Experimentelle Onkologie und Nanomedizin (SEON) am Universitätsklinikum Erlangen. Als Arzt und Forscher ist er schon seit Jahren an der Schnittstelle Medtech/Pharma tätig. Prof. Alexiou sagt: „Eine der größten Aufgaben ist es, Industriepartner für die präklinische Entwicklung zu begeistern.“
Innovationen an der Schnittstelle von Medizintechnik und Pharma

Medtech meets Pharma

Innovationen an der Schnittstelle von Medizintechnik und Pharma

24.10.14 - Knapp 100 Teilnehmer haben sich am 21. Oktober zum „1. Fachsymposium Medtech meets Pharma“ in Würzburg getroffen. Aus gutem Grund. Denn Innovationen entstehen häufig an den Schnittstellen von Wertschöpfungsketten und Branchen. lesen

Herr Kietzmann, wie wahrscheinlich ist es, dass Produkte mit Schnittstellen zu beiden Branchen auch angemessenen vergütet werden?

Kietzmann: Neue Medizinprodukte wie auch Arzneimittel müssen sich an den regulatorischen Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems orientieren. Wenn es hinreichende Synergien gibt, dann werden sich auch neue Produkte mit Schnittstellen zu beiden Branchen durch das Gesundheitssystem hindurchbewegen.

Herr Meyer, Anfang des Jahres ist Siemens eine Kooperation mit dem US-Arzneimittelhersteller Pfizer eingegangen. Dabei geht es um die Entwicklung und Kommerzialisierung von Labordiagnostik-Tests, die als begleitende Diagnostika Therapieprodukte von Pfizer unterstützen sollen. Warum dieses Engagement an der Schnittstelle zur Pharmaindustrie?

Meyer: Auf Dauer genügt es nicht, wie bisher üblich Insellösungen innerhalb der Diagnostik aufzubauen, ohne die Übergänge in die Therapierung zu vereinfachen. Wir haben ähnliche Denkansätze in der Pharmaindustrie wahrgenommen und festgestellt, dass auf beiden Seiten Interesse an gemeinsamen Entwicklungen besteht.

Herr Alexiou, als forschender Mediziner kooperieren Sie mit beiden Branchen. Wo sehen Sie hier Probleme?

Alexiou: Es ist mitunter schwierig schon in präklinischen Phasen Pharmapartner ins Boot zu nehmen. Zwar ist die Pharmaindustrie gerne bereit, Geld zu investieren, jedoch erst, wenn der Proof of Principal abgeschlossen ist. Dann werden nicht selten gleich ganze Firmen gekauft. Pharmaunternehmen investieren eher in marktreife Firmen, als in die Forschung. Da stelle ich eine gewisse Divergenz fest.

Warum ist es so schwierig zu investieren?

Meyer: In öffentlich geförderten Projekten hängt das nicht selten mit deren Struktur und Regeln zusammen. Die machen es großen Unternehmen wie Siemens manchmal sehr schwer, sich dort einzubringen. Das liegt häufig auch daran, dass uns Ideen präsentiert werden, die wir nicht so gut verstehen und nachvollziehen können, oder dass wir zu spät involviert werden. Daher mein Appell an Mediziner: Je früher wir in Gedankenwelten eingebunden werden, desto früher sind wir in der Lage, uns darauf einzustimmen. Und dann kann man in Einzelfällen auch sicher wieder mehr Investitionsbereitschaft erwarten.

Teilen Sie diese Erfahrung, wünschen Sie sich in der Pharmaindustrie auch, schon früher eingebunden zu werden?

Kietzmann: Ja. Dafür haben wir uns beginnend mit unserem CEO-Wechsel vor rund drei Jahren grundlegend umstrukturiert und Forschungsaktivitäten zum Teil in die Hände von Kooperationen übergeben – auch mit Universitäten, weil man dort näher an der klinischen Realität ist. Das schließt aus, dass Forscher beispielsweise zehn Jahre an einem Produkt für die Onkologie arbeiten, ohne jemals einen onkologischen Patienten gesehen zu haben.

Allerdings gibt es bei diesen bilateralen Kooperationen einen entscheidenden Unterschied zur Medizintechnikindustrie: Letztlich basiert das Geschäftsmodell vieler Pharmaunternehmen noch immer auf der hochpreisigen und langfristigen Vermarktung von Patenten. In der Medizintechnik gibt es dagegen die Möglichkeit, über inkrementelle Verbesserungen neue Produkte und Marktchancen zu entwickeln. Aber letztlich sind wir gezwungen gemeinsame Lösungen zu bringen. Je früher wir miteinander reden, desto besser ist das.

Sprechen Sie denn überhaupt die gleiche Sprache?

Meyer: Ja. Wir haben die gleichen Anwender vor uns und werden in entsprechende Gespräche mitunter schon gemeinsam mit der Pharmaindustrie eingeladen. Zwar haben wir unterschiedliche Vorprägungen, aber wir arbeiten in den gleichen Prozess- und Compliance-Welten. Regelbasiert, sehr strukturiert, nachweislich und transparent. Daher glaube ich, dass diese Welten sehr gut zusammenpassen. Nicht miteinander zu sprechen, ist keine Option. Wir müssen mit Medizin und Pharma kooperieren.

Sehr viel Innovationspotenzial steckt in KMU und Start-Ups. Wie können die forschende Mediziner ansprechen?

Alexiou: Netzwerken, netzwerken, netzwerken. Da geht viel über persönliche Kontakte. Das gilt übrigens auch für den Kontakt von uns Forschern zu großen Unternehmen. Auch diese Beziehung ist nicht immer ganz einfach. Aber wer miteinander spricht, dem gelingt es auch, gemeinsam neue Ideen zu entwickeln. Das habe ich in meiner Laufbahn immer wieder erlebt – aus reiner Freude an der Arbeit, auch mal ohne dass man gleich über Zahlen spricht.

Aber früher oder später muss man über Zahlen sprechen. Nehmen wir beispielsweise das Marktpotenzial für begleitende Diagnostik. Das ist dürfte bei rund 3,5 Mrd. US-Dollar liegen. Wie wollen Sie diesen Markt zeitnah erschließen, Herr Meyer?

Meyer: Vor gut einem Jahr haben Vertreter von Krankenversicherungen, Universitätskliniken und Juristen auf einem Symposium der Deutschen Gesellschaft für innere Medizin erklärt, dass hier in Deutschland noch vier bis fünf Jahre vergingen, ehe wir zu einem zugelassenen kombinierten Produkt kommen. Das halte ich bei der aktuellen Gesetzeslage für realistisch. Jedoch haben wir Möglichkeiten, diese Prozesse zu beschleunigen, indem wir durch penetrante Überzeugungsarbeit sicherstellen, dass die Legislative dieses Thema ernster nimmt als in der Vergangenheit. Unterstützt durch ihre Verbände müssen die Unternehmen deutlich machen, dass hier Potenzial für effiziente medizinische Behandlungsmöglichkeiten vorhanden ist, das aber aktuell nicht gehoben werden kann, weil es heute nicht bezahlt wird.

Stichwort Gesetze. Beschäftigen Sie sich denn sowohl mit dem Arzneimittelgesetz (AMG) als auch mit dem Medizinproduktegesetz (MPG)?

Kietzmann: Ich persönlich ja, da ich zu gegebener Zeit bei uns auch für Medizinprodukte, speziell Insulinpens und Blutzuckermessgeräte, zuständig war. Aber ich bin da ein wenig ein Exot, obwohl die Rahmenbedingungen der jeweils anderen Branchen natürlich in die strategische Planung einbezogen werden müssen. Was kommt da auf uns zu? Welche Grundkompetenzen sind in Sachen Recht, Regularien aber auch Erstattung erforderlich? Die Finanzierung ist hier häufig problematisch. Problematisch und bis heute ungelöst ist meines Erachtens auch das Thema Profitsharing. Hier kommen die beiden Branchen aus komplett anderen Welten.

Meyer: Ja, wir beschäftigen uns schon seit einiger Zeit sehr intensiv mit dem AMG. Wir mussten verstehen, in welchen Regularien die Arzneimittelindustrie lebt und arbeitet, damit wir unsere Business-Cases entsprechend aufbauen konnten. Das machen wir in einem eigenen Team, das uns entsprechend präpariert. Wir beobachten beispielsweise, dass Gespräche zunehmend auf der Ebene von Indikationsfeldern stattfinden, nicht mehr nur auf technischer Ebene. In der Medizintechnik war das bisher nicht gefragt, aber die Pharmaindustrie ist damit sehr vertraut. Jedoch lernen wir hier ziemlich schnell. Wir merken, dass wir damit zu einem vertrauenswürdigeren Gesprächspartner werden.

Letzte Frage: Was wird die Entwicklung stärker beeinflussen, die beschleunigenden Faktoren oder die bremsenden?

Alexiou: Ich denke, dass die beschleunigenden Faktoren überwiegen werden. In unserer älter werdenden Gesellschaft muss die Medizin einfach neue Behandlungsmethoden anbieten. Es wird darauf ankommen, hierfür Synergien zwischen Medizintechnik- und Pharmaindustrie zu nutzen. Dafür stehen in Deutschland sowohl das erforderliche Know-how als auch die erforderlichen Techniken zur Verfügung.

Meyer: Ganz klar die beschleunigenden Faktoren. Von Anbieterseite, weil die Märkte immer enger werden und wir aus diesen ausbrechen müssen. Von Anwenderseite, weil die Anforderungen an moderne Medizinlösungen immer höher werden und somit der Druck auf uns steigt.

Kietzmann: Natürlich wünsche auch ich mir, dass die beschleunigenden Faktoren vorne liegen werden. Aber das europäische Gesundheitssystem ist so zersplittert, dass selbst bei einem gemeinsamen regulatorischen Vorgehen für Arzneimittel und Medizinprodukte mein Optimismus schwindet. Ich glaube, dass einige Lösungen mit sehr großem gesellschaftlichen, medizinischen und technischen Nutzen mit großer Energie voran- und durch das Gesundheitssystem hindurchgebracht werden müssen, sodass auch der letzte Bremser einsieht, hierfür eine Lösung finden zu müssen.

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