Swiss Medtech Day

Medtech-Land der Innovationen – oder: Swiss Medtech 4.0 reloaded

| Autor / Redakteur: Sabine Bosshardt, Kathrin Cuomo-Sachsse / Peter Reinhardt

Volles Haus: Der Berner Kursaal beim Schweizer Medtech Day von oben.
Volles Haus: Der Berner Kursaal beim Schweizer Medtech Day von oben. (Bild: Tom Kawara / Swiss Medtech)

Die Schweiz ist traditionell eine starke Medizintechnik-Nation. Doch sie steht aktuell vor besonderen Herausforderungen. Mit Spannung wurde daher erwartet, welche Empfehlungen und Prognosen die Sprecher auf dem Swiss Medtech Day geben.

  • Der Einfluss von Digitalisierung und Health Technology Assessments (HTAs) auf das Gesundheitswesen
  • Start-up zeigt computergestützte Lösung zur automatischen Bestimmung des Stadiums von Lungentumoren
  • Konsequenzen der EU-Neuregulierungen für Venture-Capital-Investitionen

Am Swiss Medtech Day Mitte Juni verwandelte sich der Berner Kursaal zum Mekka der Medizintechnik. Der vom neuen Verband Swiss Medtech zusammen mit der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) durchgeführte Jahresevent lockte über 560 Teilnehmer an. Neben den CTI-Swiss-Medtech-Award-Nominierten präsentierten Forscher und Start-ups auf dem Science-Slam ihre Innovationen. In Breakout Sessions wurden aktuelle Themen diskutiert: vom Schutz des geistigen Eigentums über den Einfluss von Digitalisierung und Health Technology Assessments (HTAs) auf das Gesundheitswesen bis hin zu Mehrwert generierenden Partnerschaften. Gastreferent Serge Bernasconi, CEO Medtech Europe, lobte die Schweiz als äußerst attraktiven Standort, und Eric Amble, Präsident der Venture-Capital-Firma Neo-Med, gab Tipps zur Überbrückung von Finanzierungslücken.

Wer hat‘s erfunden? Die Schweizer

Wer hat‘s erfunden? Am Swiss Medtech Day zeigten über 30 Aussteller, was die Schweiz alles an ausgeklügelten und vielseitigen Neuheiten hervorbringt. Neben den drei CTI-Swiss-Medtech-Award-Nominierten beteiligten sich acht Kandidaten am Science-Slam. Ziel war, die Innovation in einem dreiminütigen Pitch möglichst informativ und unterhaltend zu präsentierten: Wie etwa Periodontitis mit einer intelligenten Matrix-basierten Regenerierungsmethode beizukommen ist, mit Gesichts-Videographie Sekundenschlaf im Auto verhindert werden kann oder wie sich photonische Textilien für die laufende Gesundheits-Überwachung am Körper einsetzen lassen. Am meisten Zuschauerstimmen erhielt 4 Quant Ltd., ein Spin-off der ETH Zürich und des Paul-Scherrer-Instituts. Das Start-up zeigte eine computergestützte Lösung, die automatisch das Stadium von Lungentumoren bestimmt.

„Das ,Land der Innovationen’ lockt mit außergewöhnlichen Technologien, hochqualifizierten Arbeitskräften, fantastischen Universitäten und Forschungsstätten. Es ist auch wegen seiner Stabilität und dem hohen Lebensstandard äußerst attraktiv. Selbst große Konzerne sind hier dauerhaft sesshaft.“ Gastreferent Serge Bernasconi, CEO des europäischen Branchenverbandes Medtech Europe, sprach eine Lobeshymne auf die Schweiz aus. Europa blicke ein wenig neidisch auf den Schweizer Medtech-Standort, der die gesamte Wertschöpfungskette abdecke. „Doch lassen Sie sich nicht durch die neuen EU-Regulierungen in Ihrer Dynamik stoppen und halten Sie den Innovationsfluss aufrecht“, ermunterte er die Besucher.

Intellectual Property beizeiten schützen

Die Schweizer Medizintechnik gehört zu den Spitzenreitern unter den Patentanmeldern in Europa. Somit hat der Schutz der Intellectual Property (IP) und des eigenen Brands für die hiesigen Firmen einen sehr hohen Stellenwert. Die Vorbereitungen für den IP-Schutz beginnen bereits mit der Erfindung. Diese ist systematisch mit qualifizierten Studien unter anderem in Englisch zu dokumentieren. Dabei gilt es unbedingt, die beträchtlichen Kosten frühzeitig in der Liquiditätsplanung einzukalkulieren. Der IP-Schutz ist aus regulatorischer Sicht und im politischen Kontext derzeit großen Veränderungen unterworfen, mit entsprechendem Mehraufwand verbunden und für Unternehmen jeder Größe eine Herausforderung. „Die Auswirkungen von MDR und IVDR auf die Produktzulassung und die Kosten beeinflussen auch den Wert einer IP erheblich“, betonte Thomas Dibke, Inven Comm.

Regulierungen bremsen Medtech-Investitionen

Eric Amble, Präsident von Neo-Med, einer Venture-Capital-Firma mit Sitz in Jersey, verwies denn auch auf die negativen Konsequenzen der EU-Neuregulierungen für Venture-Capital-Investitionen. Die zusätzlichen Auflagen würden den Markteintritt von Innovationen um weitere Jahre verzögern. „Dadurch werden Medizinprodukte teurer und auch aufgrund der längeren Dauer bis zur Profitabilität zunehmend unattraktiver für Investoren“, warnte er.

Während sich die USA mit der FDA in regulatorischer Hinsicht aktuell eher zurückhalte, sei in der EU ein gegenteiliger Trend zu verzeichnen. In Europa werden Finanzierungsmöglichkeiten mit Risikokapital im Vergleich zu den USA und Japan auch bedeutend weniger genutzt. Investitionen aus dem Gesundheitssektor machen hier 28 Prozent des gesamten Venture Capitals (VC) aus. Dabei hinken laut Amble die Renditen aus der Medizintechnik denjenigen aus dem Pharma- und Biotech-Bereich hinterher.

Neo-Med hat seit 1997 insgesamt 350 Mio. Schweizer Franken investiert. Im hoch-selektiven Portfolio mit 50 Prozent Pharma- und 50 Prozent Medtechanteil sind auch ausgewählte Schweizer Firmen. Gefragt sind Anbieter von Produkten mit wirklichem medizinischen Nutzen beziehungsweise Start-ups mit realistischen Business-Plänen. Amble gab auch einige Gedankenanstöße zur Überbrückung von Finanzierungslücken und zur Abfederung der regulatorischen Hürden. So schlug er staatliche Unterstützung vor, etwa steuerliche Erleichterungen für Investitionen in Venture & Angel Fonds aus dem Gesundheitsbereich oder die Schaffung eines Anlagevehikels mit dem Auftrag, in VC-Fonds zu investieren.

HTAs – Chance oder Innovationshemmer?

2015 stand die Schweiz hinsichtlich Zugang und Qualität ihres Gesundheitswesens gemäß dem Health-Care-Quality-Index weltweit an dritter Stelle. Im Gegenzug belegte das Land bei den Gesundheitskosten nach den USA den zweiten Platz. Um Unwirksamkeiten, Ineffizienzen und die Kosten zu reduzieren, baut das Schweizer Bundesamt für Gesundheit ein HTA-Programm zur systematischen Re-Evaluation von bereits durch die obligatorische Krankenversicherung vergüteten Leistungen auf.

„Die von den explodierenden Gesundheitsausgaben betroffenen Krankenkassen betrachten die verstärkten Kosten-Nutzen-Aspekte mit Health Technology Assessments als Chance“, betonte Markus Gnägi vom Verband Santésuisse. Die Schweizer Medtech-Branche fordert bei positiven HTA-Entscheiden eine zwingende Koppelung mit den Vergütungsprozessen, um einem Innovationsstau vorzubeugen. Die Referenten der Breakout-Session gingen der Frage nach, inwieweit HTAs Verzögerungen beim Patientenzugang verursachen. Laut Barbara Züst, Geschäftsführerin der Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz, ist die Zufriedenheit mit dem Zugriff auf neue Produkte hoch, es gebe aber in vereinzelten Fällen Spielraum für Verbesserungen.

Digitalisierung: gesamte Firma transformieren

E-Health und Mobile Health ermöglichen immer breiteren Kreisen den Zugriff auf enorme Datenmengen und sorgen zusammen mit der fortschreitenden Automatisation für mehr Effizienz im Gesundheitswesen. Bundesrat Johann Schneider-Ammann betonte am Swiss Medtech Day die Bedeutung von Digitalisierung als Innovationstreiber. An einer Break-out-Session zum Thema wurde diskutiert, inwieweit 4.0 den Wandel in der Medtech-Industrie vorantreibt und die Geschäftsmodelle beeinflusst: Heute werden darin die Auswirkungen nicht nur auf die Prozesse, sondern auch für die Mitarbeiter und Kunden berücksichtigt. Im Zentrum der „Vierten Industriellen Revolution“ stünden die Bedürfnisse der Endnutzer und wie sie bestmöglich von einem immer schnelleren und präziseren Informationsfluss profitieren, hieß es auf dem Podium.

Adreas Abel von Bühlmann Laboratories schilderte, wie seine Firma die digitale Transformation in den letzten Jahren umgesetzt hat: Zunächst musste auch das Management den neuen Denkansatz akzeptieren, dann galt es das gesamte Unternehmen zu durchleuchten und umzubauen sowie eine Innovationskultur zu etablieren: „Rekrutieren Sie auch junge Digital-Talente“, empfahl er den Teilnehmern. Angesichts der Beschleunigung der Digitalisierung und um wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten Unternehmen jetzt rechtzeitig mit der Implementierung eines neuen Business Modells starten, appellierten die Teilnehmer ans Publikum.

Markteintritt mit Kooperationen in China

Doch was tun, wenn die eigenen Produkte, ja sogar Brands kopiert werden? Auf großes Interesse stießen die Best-Practice-Beispiele im Umgang mit China. Da das Land keine Gewaltentrennung kenne, sei es insbesondere bei patentrechtlich geschützten Erfindungen, welche die Regierung als besonders wertvoll erachtet, beinahe unmöglich, das Rechtssystem bei Missbrauch in Bewegung zu bringen. Entsprechend werden von ausländischen Firmen in China häufig Produkte in A- und in B-Qualität produziert, also gleich selber eine Art günstige Kopien angefertigt, um dort marktfähig zu sein. „Am einfachsten gestaltet sich der Markteintritt in China über direkte Kooperationen mit einheimischen Anbietern“, riet Eric R. Perucco, Inhaber Med Brain Tec.

Partnerschaften erzeugen hohen Mehrwert

Bei Geschäftspartnerschaften muss es nicht immer nur um große Joint Ventures gehen. So blühen in der von KMU dominierten Schweizer Medizintechnik ganz im Stillen wertvolle Partnerschaften, die für beide Parteien spannenden Mehrwert erbringen. Die Panellisten der Breakout-Session dazu stellten Partnerschafts-Beispiele aus ihrer Firmenpraxis vor: So achtet Roche etwa darauf, dass sich für beide Seiten unter Beachtung ihrer speziellen Kernkompetenzen Win-win-Situationen ergeben. Für Hamilton Medical, einen US-Schweizer Hersteller von Beatmungsgeräten, liegen die Vorteile der Partnerschaft mit Roche darin, sich gegenseitig zu fördern, die Qualität hochzuhalten und die Kosten im Griff zu haben.

Die Partnerschaft der beiden auf Implantate spezialisierten Familienunternehmen Stemcup Medical Products und Jossi Orthopaedics führte für Ersteren zu einer effizienteren und kostengünstigeren Herstellung, für Letzteren zur Erweiterung der Produktpalette mit kostensparenden Lösungen für die Kunden. Volpi (Anbieter von Optoelektronik-Lösungen) und Zühlke Engineering (Dienstleister für Innovationsprojekte) profitieren beidseitig von einem erweiterten Marktzugang sowie von einer Risikoreduktion, wenn es um die rasche Entwicklung neuer Produkte geht.

Autorinnen: Sabine Bosshardt und Kathrin Cuomo-Sachsse, Swiss Medtech

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