Münchner VDE-Kolloquium

Intelligente Medizinelektronik kommt viel zu langsam in Fahrt

| Redakteur: Kathrin Schäfer

Ärzte können intelligente elektronische Systeme nicht verschreiben, weil es dafür bislang keine Abrechnungskennziffern gibt, lautet ein Fazit des Münchner VDE-Kolloqiums.
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Ärzte können intelligente elektronische Systeme nicht verschreiben, weil es dafür bislang keine Abrechnungskennziffern gibt, lautet ein Fazit des Münchner VDE-Kolloqiums. (Bild: VDE-Bezirksverein Südbayern)

Smarte Medizinelektronik wird schon in naher Zukunft unverzichtbar für unsere Gesundheitsversorgung sein. Allerdings kommt sie viel zu langsam in Fahrt. So könnten Anwendungen wie intelligente elektronische Implantate oder telemedizinische Assistenzsysteme schon heute weit verbreitet sein. Allein – die Rahmenbedingungen stimmen noch nicht.

Das ist das ernüchternde Ergebnis des Münchner VDE-Kolloquiums, das Anfang Juli stattgefunden hat. Rund 70 Wissenschaftler, Industrievertreter und Interessierte haben daran teilgenommen und miteinander diskutiert.

Technisch möglich, aber kaum umgesetzt

Nach Jahrhunderten der Kräutermedizin („Medizin 1.0“), der Medizin mit Antibiotika und Röntgentechnik („Medizin 2.0“) bis zur modernen Medizin mit bildgebenden Verfahren und Operationsrobotern („Medizin 3.0“) stehe man heute an der Schwelle zu „Medizin 4.0“, erklärt Prof. Dr. Bernhard Wolf, Leiter des Heinz Nixdorf-Lehrstuhls für Medizinische Elektronik an der TU München. Diese Medizin 4.0 zeichne sich durch intelligente elektronische Systeme aus, mit denen sich Therapien vollkommen personalisieren ließen. Hierdurch werde es möglich, die Medizin zum Wohle des Patienten wesentlich zu verbessern und gleichzeitig das Gesundheitswesen zu entlasten. All das sei heute technisch realisierbar, werde jedoch kaum umgesetzt, so Prof. Wolf.

Welche Systeme sind bereits marktreif?

Prof. Dr.-Ing. Petra Friedrich, die am CoKeTT-Zentrum der Hochschule Kempten telemedizinische Assistenzsysteme entwickelt und testet, bestätigt in ihrem Vortrag, dass viele dieser Systeme einwandfrei funktionieren und längst marktreif sind. Sie zeigt anhand der Daten aus Anwendertests, dass mit Hilfe telemedizinischer, therapeutischer Feedbackkonzepte langfristige gesundheitliche Erfolge bei Patienten erzielt werden können, etwa bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Adipositas. Auch der gesamtgesellschaftliche Nutzen solcher Systeme sei nicht zu unterschätzen.

Die Hürden sind vielseitig

In der anschließenden Podiumsdiskussion kristallisiert sich schnell heraus, wo es aktuell noch hapert. Da bremst zum einen die ungünstige Struktur der Forschungsförderung in Deutschland medizinelektronische Entwicklungen. Zum anderen wären zur Einführung dieser Systeme klinische Tests notwendig. Deren Finanzierung ist laut Prof. Wolf jedoch schwierig. Neue Strukturen zur Finanzierung solcher Projekte könnten die Situation entschärfen.

Ein weiteres Fazit der Diskussion: Ärzte können intelligente elektronische Systeme nicht verschreiben, weil es dafür bislang keine Abrechnungskennziffern gibt. Mit denen sei aber früher oder später zu rechnen, so Ministerialrat Alexander Kraemer, der im Bayerischen Ministerium für Gesundheit und Pflege unter anderem für Telemedizin zuständig ist. Konkrete Zeitpunkte allerdings kann auch er nicht nennen. Kraemer betont, dass das neue E-Health-Gesetz, mit dessen Verabschiedung er demnächst rechne, immerhin in die richtige Richtung zeige. Es sieht vor, dass Anwendungen wie elektronische Arztbriefe und Medikationspläne schon bald zum Standard werden.

Sehr kontrovers debattieren die Teilnehmer beim Münchner VDE-Kolloquium übrigens die Tatsache, dass viele Bürger eigene Daten innerhalb der Sozialen Medien bedenkenlos herausgeben, bei medizinelektronischen Anwendungen aber massive Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes äußern. Auch hier, so lassen die Wortbeiträge vermuten, kann das E-Health-Gesetz möglicherweise mehr Vertrauen bringen. Der Gesetzestext zumindest sieht eine Stärkung des Datenschutzes vor.

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