Die Zukunft der Medizintechnik

Digital wird real

| Autor / Redakteur: Kathrin Schäfer / Kathrin Schäfer

Zwei Trends, die immer wieder genannt werden: Digitalisierung und 3D-Druck. Weitere Trends sind Miniaturisierung, Personalisierung oder Homecare.
Zwei Trends, die immer wieder genannt werden: Digitalisierung und 3D-Druck. Weitere Trends sind Miniaturisierung, Personalisierung oder Homecare. (Bild: © dragonstock / Fotolia.com)

Die Zukunft der Medizintechnik – sie wird gestaltet von Ärzten, die neue Heilmethoden erforschen, Gesundheitspolitikern, die die gesetzlichen Rahmenbedingungen vorgeben, sowie Ingenieuren, die innovative Technologien entwerfen.

Entsprechend zahlreich und vielschichtig sind die Faktoren, die auf „die Medizintechnik von morgen“ Einfluss nehmen. Zwei Trends, die immer wieder genannt werden: Digitalisierung und 3D-Druck. Beides sind zuerst einmal branchenunabhängige Techniktrends, die auf die eine oder andere Weise bereits Eingang in die Medizintechnik gefunden oder diese bereits verändert haben. Weitere Trends sind Miniaturisierung, Personalisierung oder Homecare.

Best-practice: eine App-basierte Ultraschall-Lösung von Philips

Nicht selten sind diese eng miteinander verwoben oder bedingen einander sogar gegenseitig. Ein Beispiel hierfür: das Ultraschallgerät. 1995 kostete es in der Anschaffung zirka 15.000 US-Dollar und hatte die Größe eines kleinen Schranks. Heute bietet der Medizintechnikhersteller Philips mit Lumify 2016 ein Gerät an, das man nicht mehr kaufen muss, sondern für 200 Dollar pro Monat mieten kann. In der Philips-Lösung enthalten ist nicht nur ein Ultraschallgerät, sondern eine mobile, App-basierte Ultraschall-Anwendung. Lumify ist also ein digitales, miniaturisiertes Medizinprodukt, das nicht nur in Notaufnahmen und Zentren für Akutbehandlungen, sondern auch in anderen klinischen Umgebungen sinnvoll eingesetzt werden kann.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Digitalisierte und miniaturisierte Medizintechnik macht die medizinische Versorgung flexibler, denn sie hebt die räumliche Bindung an Krankenhäuser und ähnliche Einrichtungen auf. Sie ist vernetzt mit Geräten, die wir aus dem Konsumbereich kennen und die damit direkten Einfluss auf die Bedienbarkeit ausüben. Gleichzeitig wirft dies Fragen der Datensicherheit und des Datenschutzes auf – Stichwort Cloud. Der monatliche Listenpreis statt einmaliger Anschaffungskosten erinnert ebenfalls an Bezahlmodelle, die man aus dem privaten Konsumbereich kennt.

Digitalisierte Medizintechnik kommt in Deutschland nur langsam an

Demnach ist Lumify, das 2015 in den USA eingeführt wurde und in der zweiten Jahreshälfte 2017 auch den europäischen Markt erreichen soll, wegweisend für die Medizintechnik von morgen. Apropos Markt: Dr. Peter Fey von der Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner sagt: „Noch steht die deutsche Bevölkerung der digitalen Medizin zum Teil skeptisch gegenüber. Doch Gesetzesänderungen wie das IT-Sicherheitsgesetz oder das neue E-Health-Gesetz sowie die weltweit zunehmende Innovationskraft in der Medizintechnikbranche setzen den Markt zusehends unter Druck.“

Fey fragt: „Wie lang wird Deutschland noch an der Schwelle zu digitaler Medizin 4.0 verharren?“ In dieselbe Kerbe schlägt Dr. Peter Windeck, Geschäftsführer von Rochus Mummert Healthcare Consulting: „Es wird einige Jahre dauern, bis wir in Deutschland von einer flächendeckenden Digitalisierung der Kliniken sprechen können. Dieser Prozess schreitet nur allmählich voran.“ Sein Wissen bezieht Windeck aus der Studie „Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft 2016“, für die sein Unternehmen 380 Führungskräfte an deutschen Krankenhäusern befragt hat. Demnach besitzen zwar erst 26 Prozent der Krankenhäuser eine unternehmensübergreifende Digitalstrategie, doch der Anteil an Kliniken mit digitalen Einzelprojekten ist von 46 Prozent im Jahr 2015 bereits auf 56 Prozent im Jahr 2016 gestiegen.

Branchenfremde Player machen Medtech-Firmen Konkurrenz

Prof. Heinz Lohmann ist Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und hat die Studie wissenschaftlich begleitet. Er warnt: „Wer jetzt nicht in Richtung Medizin 4.0 aufbricht, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren.“

Eine Mahnung, die sicherlich auch für Medizintechnikfirmen gilt. Denn bereits heute machen branchenferne Player Medizintechnikunternehmen Konkurrenz, wenn es um digitalisierte Produkte geht. Dies geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Roland Berger hervor. Gleichzeitig stellt sie in Aussicht: Das weltweite Marktvolumen wird sich auf über 200 Mrd. Dollar bis 2020 mehr als verdoppeln.

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Die Firma Aesculap hat die Digitalisierung bereits voll erfasst

Ein Trend, den man offenkundig auch bei der Firma Aesculap in Tuttlingen erkannt hat: „Die Digitalisierung hat die Medizintechnik und somit auch Aesculap voll erfasst. Neben digitalisierten Produkten, die in vernetzten Produktionen entstehen, kommen digitale Servicelösungen und natürlich auch telemedizinische Lösungen hinzu“, so deren Vorstandsvorsitzender Dr. Hanns-Peter Knaebel. Nun würde man bei einem Hersteller, der traditionell mit chirurgischen Instrumenten und Implantaten in Verbindung gebracht wird, nicht unbedingt an Digitalisierung denken. Jedoch gibt es bei Aesculap bereits Produkte beziehungsweise Lösungen für die Telemedizin. Dazu Knaebel: „Eines der vermarkteten Produkte ist beispielsweise ein Hirndrucksensor, welcher beim internen Wasserkopf den Hirndruck misst und diese Daten automatisch auf eine Smartphone-Applikation aufspielt. Darüber hinaus wird aktuell der Regelkreis geschlossen, dass auf Basis dieser Informationen dann auch eine Steuerung des Hirndruckventils stattfinden kann.“ Dies sei indes nur eines von mehreren Beispielen. Auch gebe es bereits Überlegungen, analoge Produkte wie Implantate mit Sensorik auszustatten, um Daten zu erheben, anhand derer sich individuelle Einstellungen anpassen oder gar Heilungsprozesse überwachen ließen.

Sind Roboter bald die besseren Pfleger und Operateure?

Doch sind Ärzte für solche Produkte bereits bereit? Die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz jedenfalls rüstet ihre Studierenden bereits heute mit dem Curriculum „Medizin im digitalen Zeitalter“. Die Inhalte machen deutlich, welche Technologien man in Mainz für zukunftsträchtig hält: Mobile Health, Telemedizin und Möglichkeiten der digitalen Kommunikation.

Bleiben wir bei denjenigen, die Medizingeräte anwenden – oder anschaffen müssen. Laut Rochus-Mummert-Studie sind OP-Roboter eindeutig ein Trend der Zukunft. 16 Prozent der Klinikmanager gehen davon aus, dass Roboter bereits innerhalb der nächsten fünf Jahre die fähigeren Operateure sein werden, und weitere 20 Prozent prognostizieren dies für die kommenden zehn Jahre. Auch in den Pflegebereich wird der Roboter zunehmend Einzug halten, ganz zu schweigen von der Verwaltung oder der Diagnostik.

Apropos Diagnostik: Die Firma Philips möchte bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie und den Ultraschall so weit vorantreiben, dass man auf Röntgenstrahlung, beispielsweise während operativer Eingriffe am Herzen oder Gehirn, komplett verzichten kann. Für Medizintechnikunternehmen wie Philips und Co. ist jedoch nicht nur die technische Machbarkeit, sondern auch die Finanzierbarkeit auf Anwenderseite ein zentrales Kriterium. Allerdings bescheinigen nur 29 Prozent der Mediziner in kommunalen und 39 Prozent in privaten Kliniken ihrem Krankenhaus, ausreichend in die Zukunft zu investieren. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Front Line of Healthcare Report 2016“, die Bain & Company unter nahezu 1.200 Ärzten und Krankenhausmanagern in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien durchgeführt hat.

Mit Augmented Reality 3D-Bilder in Echtzeit

Zurück zu den Technologietrends: Mit einem sogenannten Trendometer für 2017 prognostizieren Dr. Peter Fey und Dagmar Hebenstreit von Wieselhuber & Partner „die angesagten Themen in der Medizintechnik im Jahr 2017“. Sie benennen hier den Datenschutz als höchstes Gut in der digitalen Medizin sowie die Verschmelzung der realen und digitalen Welt. Stichworte sind hier Miniaturisierung und Augmented Reality. In der Anwendung bedeutet dies: „Immer kleinere bildgebende Diagnoseinstrumente, überlagert mit Daten beispielsweise aus dem CT, ermöglichen dem behandelnden Arzt in Kombination mit einem VR-Device reale Echtzeiteinblicke in das Behandlungsfeld“, weiß Hebenstreit. Belege für die Machbarkeit dieses Szenarios liefert das Universitätsspital Basel: Dort ist es gelungen, zweidimensionale Schnittbilder aus der Computertomografie in Echtzeit für eine virtuelle Umgebung aufzubereiten. Mit einer Virtual-Reality-Brille können Ärzte beispielsweise im dreidimensionalen Raum mit einem Hüftknochen interagieren, der operiert werden soll: Sie können ihn vergrößern, aus jedem Winkel betrachten, die Beleuchtungsrichtung anpassen sowie zwischen 3-D-Ansicht und gewohnten CT-Bildern wechseln.

Gute Nachrichten hält das Trendometer übrigens auch für die Hilfsmittelbranche bereit: Auf den aktuellen Trend zu einem „Healthy Lifestyle“ könnten Marktplayer reagieren und ihr Produktportfolio als auch ihre Marktbearbeitung an neue Zielgruppen wie ambitionierte Freizeitsportler anpassen.

Der Sparzwang im Gesundheitswesen diktiert die Regeln

Einen ebenfalls immer größeren Absatzmarkt bietet der Trend zu Homecare – immer mehr medizinisches Equipment wird für diesen Bereich entwickelt. Medizintechnikfirmen, die Produkte nicht nur für die Anwendung durch Ärzte und Pflegepersonal, sondern durch Laien, nämlich die Patienten selbst, entwickeln, können sich neue und vor allem große Absatzmärkte erschließen. Denn auch, wenn ein Produkt in der oberen Preisklasse angesiedelt ist – sofern es beispielsweise teure Aufenthalte in Kliniken oder Rehabilitationszentren überflüssig macht, hat es durchaus Chancen, sich im Markt zu behaupten. Ein Produkt, das dem Sparzwang in Gesundheitssystemen durchaus Rechnung trägt, könnte in den kommenden Jahren ein Sensoranzug für Schlaganfallpatienten sein, wie ihn Bart Klaassen von der University of Enschede mit Interaction vorgestellt hat. Der neue Anzug ist mit 41 Sensoren und einer technischen Infrastruktur ausgestattet, die es erlauben, sämtliche Bewegungsdaten zu speichern, zu verarbeiten und zu versenden. So kann die Bewegungsqualität von Patienten genau gemessen und modelliert werden. Klaassen bilanziert: „Schon seit langer Zeit gab es einen großen Bedarf für ein solches System, aber die Technologie war einfach noch nicht bereit dafür. Dies ändert sich momentan dank rasend schneller Entwicklungen in den Bereichen Batterietechnologie, Wearable Computing, smarte E-Textilien und Big-Data-Analyse rasant.“ Diese dürfen somit als Wegbereiter für das neue System gelten.

Apropos Wegbereiter: Es ist die digitalisierte Erfassung von Patientendaten, die die medizinische Nutzung des 3D-Drucks und damit auch den Trend zur personalisierten Medizin ermöglicht. Prothesen und individuelle Implantate in Losgröße 1 sind längst medizinische Praxis. Spanischen Wissenschaftlern ist jetzt sogar der 3D-Druck einer voll funktionsfähigen künstlichen Haut gelungen. Patienten, die eine Hauttransplantation benötigen, könnten davon profitieren.

Für all diese Trends gilt: Sie sind bereits heute technisch umsetzbar und lassen sich in entsprechende Produkte übersetzen. Ob diese Technologien letztendlich ihren Weg in den Markt finden und implementiert werden, hängt davon ab, ob sie erstattungsfähig sind und von den jeweiligen Nutzergruppen, Ärzten, Pflegepersonal und Patienten, angenommen werden.

Weitere Meldungen über die Medtech-Branche finden Sie in unserem Themenkanal Szene.

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