Medizintechniker und Ärzte im Dialog

„Chirurgen haben auch nur zwei Hände“

| Redakteur: Kathrin Schäfer

Der Workshop bringt Mediziner mit Medizintechnikern zusammen. Nach der ersten Veranstaltung im letzten Jahr wurden bereits konkrete Entwicklungsprojekte in Medizintechnik-Unternehmen initiiert.
Der Workshop bringt Mediziner mit Medizintechnikern zusammen. Nach der ersten Veranstaltung im letzten Jahr wurden bereits konkrete Entwicklungsprojekte in Medizintechnik-Unternehmen initiiert. (Bild: Bio-Regio Stern / Michael Latz)

Was passiert, wenn Mediziner auf Medizintechniker treffen? Sie äußern eine lange Wunschliste: „Solche Instrumente brauchen wir, so müssen sie beschaffen sein, …“

  • Praktische Übungen im OP
  • Wunschliste von Operateuren
  • Instrumente, die zu Anatomie und Größe der Patienten passen
  • Aus Workshop entstehen neue Entwicklungsprojekte und Produkte

Mit Live-Übertragungen und praktischen Übungen ist die Veranstaltung „Einschnitte – Einblicke“ im OP der Klinischen Anatomie alles andere als gewöhnlich. Um Entwicklern aus Medizintechnik-Unternehmen Probleme in typischen OP-Situationen aufzuzeigen und mit ihnen gemeinsam nach Lösungen zu suchen, haben insgesamt sechs Ärztliche Direktoren des Universitätsklinikums Tübingen in einem Workshop mit Fachpublikum am OP-Tisch diskutiert:

  • Prof. Dr. Jörg Fuchs, Ärztlicher Direktor Kinderchirurgie und Kinderurologie
  • Prof. Dr. Alfred Königsrainer, Ärztlicher Direktor Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie
  • Prof. Dr. Christian Schlensak, Ärztlicher Direktor Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie
  • Prof. Dr. Arnulf Stenzl, Ärztlicher Direktor Urologie
  • Prof. Dr. Bernhard Krämer, Stellvertretender Ärztlicher Direktor Gynäkologie
  • Prof. Dr. med. Fabian Bamberg, Stellvertretender Ärztlicher Direktor Diagnostische und Interventionelle Radiologie

„Wir zeigen Ihnen nicht die perfekte OP, sondern wir zeigen Ihnen die Herausforderungen der Realität“, so die programmatische Aussage von Gastgeber und Moderator Prof. Dr. Bernhard Hirt, Direktor des Instituts für Klinische Anatomie und Zellanalytik der Universität Tübingen.

Was steht auf der Wunschliste von Operateuren?

Was steht auf der Wunschliste von Chirurgen ganz oben? Zur Realität bei einem intraperitonealen Eingriff in der von Bauchfell überzogenen Struktur im Bauchraum sowie im Retroperitoneum, der Region hinter dem Bauchfell und dem eigentlichen Bauchraum, gehört, dass Retraktoren, also Spreizer, benötigt werden, die das Operationsfeld geöffnet halten, um beispielsweise einen Tumor an der Niere oder an den Eierstöcken zu entfernen. Die Wunschliste der Operateure hinsichtlich dieses medizintechnischen Standardinstrumentes war verblüffend lang: Die Retraktoren sollten besser verstellbar sein, damit während einer Operation einfacher die Position verändert werden kann. Sie sollten nicht nur aus Metall bestehen, da dieses Gewebe verletzen kann, sondern aus weicheren Materialien gefertigt werden. Sie sollten einerseits durchleuchtbar sein und andererseits selbst Lichtquelle sein sowie zusätzliche Analysefunktionen besitzen. Ein Operateur brachte die Forderung auf den Punkt: „Wir benötigten eigentlich acht Hände. Multifunktionsrefraktoren wären besser als Assistenten, die unter Umständen auch noch im Weg stehen.“

Eine Erkenntnis des Workshops: In der Tiefe ist es dunkel

Zwei Oberärzte demonstrierten im OP der Anatomie „live“ die Inzision – also die Öffnung – eines Bauchraumes sowie die Anwendung von Retraktoren, um anschließend die nächste Herausforderung sichtbar zu machen: „In der Tiefe ist es dunkel“, fasste einer von ihnen das Problem der Visualisierung und Beleuchtung zusammen. Die Lösung aus Sicht der Ärzte: Die Beleuchtung sollte mit einem Kamerasystem kombiniert werden, damit alle an der Operation Beteiligten die gleiche Perspektive auf den Patienten haben. Die Kamera sollte der Hand des Chirurgen automatisch folgen können. Am besten wäre es, Lupenbrille und Kopflampe mittels Chiptechnologie zu einem kleinen, leichten System mit Kamera zu kombinieren. Wie bereits beim ersten Workshop wurde der Wunsch nach einer Tablet-Lösung zur Visualisierung der OP-Situation deutlich formuliert, damit sich die Operateure während des Eingriffs nicht nach Monitoren umdrehen müssen: „Die Ansicht des Operateurs auf den Bauchraum sollte direkt aufs iPad übertragen werden, das wiederum direkt neben der Inzision platziert ist“, forderte Prof. Stenzl die Fachbesucher und Entwickler auf.

Instrumente, die zu Anatomie und Größe der Patienten passen

Kleine Instrumente – zu große Patienten, kleine Patienten – zu große Instrumente: Instrumente für minimalinvasive Operationen, beispielsweise der Laparoskopie, sollen immer kleiner werden – einerseits. Andererseits werden Patienten in Mitteleuropa immer korpulenter und es fehlen Instrumente, die entsprechend variabel dimensioniert werden können. Auch bei den kleinsten Patienten gibt es ungelöste Herausforderungen für die Medizintechnik, wie Prof. Fuchs bedauerte: „Für Säuglinge sind leider keine miniaturisierten Instrumente für minimalinvasive Eingriffe erhältlich. Hier ist noch viel Bedarf.“

Ergänzendes zum Thema
 
Wer organisiert den Workshop „Einschnitte – Einblicke“?

Flicken: intelligent beschichtet. Nähen: wie von selbst

Doch nicht nur bei den Instrumenten, auch beim Material suchen Ärzte nach Innovationen. So werden zum Beispiel Patches (Flicken) zum Verschließen von Arterien seit Jahrzehnten aus Kunststoffen hergestellt, dabei wird längst intensiv an Tissue-Engineering-Lösungen, also der Züchtung von Gewebe, für eine Biologisierung des Materials geforscht. Überhaupt ist das Verschließen und vor allem das Nähen ein echtes Reizthema für die Operateure. Ligaturen, das Abbinden von Gefäßen etc., müssen unter schwierigsten Bedingungen hinsichtlich des Lichts und der Position im Bauchraum durchgeführt werden.

Dabei ist es überlebenswichtig für den Patienten, dass Knoten fest sitzen. Der entsprechende Aufruf an die Medizintechniker lautete: „Alternativen zur herkömmlichen Gefäßnaht gesucht!“

Aus dem Workshop können Entwicklungsprojekte entstehen

Es gab also viel zu besprechen für die Medizintechniker und Mediziner an den OP-Tischen in der Anatomie. „Wir haben mit diesem Workshop wieder einen Nerv getroffen“, freute sich entsprechend der Mitveranstalter und Geschäftsführer der Bio-Regio Stern Management GmbH Dr. Klaus Eichenberg. „Nach der ersten Veranstaltung im letzten Jahr wurden bereits konkrete Entwicklungsprojekte in Medizintechnik-Unternehmen initiiert. Und ich bin mir sicher, dass auch das Thema Kopf- und Halschirurgie im kommenden Jahr wieder Inspiration für neue Ideen bei den Entwicklern liefern wird.“

Die nächsten Workshops dieser Art finden 2018 statt:

  • „Einschnitte – Einblicke: Kopf, Hals“ am Mittwoch, 24. Januar 2018
  • „Einschnitte – Einblicke: Herz, Lunge, Thorax“ am Mittwoch,13. Juni 2018

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