Lage der Medtech-Branche

Brexit und MDR bringen Unsicherheit und Angst vor mehr Bürokratie

| Autor / Redakteur: Kathrin Schäfer / Kathrin Schäfer

Die Medizintechnik wächst seit Jahren nur moderat, aber konstant. Zwei Drittel des Umsatzes werden traditionell im Ausland erwirtschaftet.
Die Medizintechnik wächst seit Jahren nur moderat, aber konstant. Zwei Drittel des Umsatzes werden traditionell im Ausland erwirtschaftet. (Bild: Spectaris)

Die deutsche Medizintechnik bleibt auch 2016 auf Wachstumskurs. Die Branche profitiert von der demografischen Entwicklung und wächst trotz schwieriger Rahmenbedingungen.

Anlässlich einer Pressekonferenz auf der Medica konstatiert Marcus Kuhlmann, Leiter des Fachverbandes Medizintechnik im Industrieverband Spectaris: „Die rund 1.200 deutschen Medizintechnikhersteller setzen ihren Wachstumskurs trotz schwieriger Rahmenbedingungen auch in diesem Jahr fort.“ Was heißt das in Zahlen? Für 2016 rechnet der Verband mit einem Branchenumsatz von 28,3 Mrd. Euro, was einem Zuwachs von 2,5 Prozent gegenüber 2015 entsprechen würde. Das internationale Geschäft zeigte sich dabei im bisherigen Jahresverlauf dynamischer als das Inland. Spectaris erwartet einen Anstieg des Auslandsumsatzes um 3 Prozent auf 18,2 Mrd. Euro. Die Prognose für das Inlandsgeschäft liegt bei 10,1 Mrd. Euro, einem Plus von 1,5 Prozent. Die Exportquote läge damit unverändert bei 64 Prozent. Auch die Beschäftigungsentwicklung sieht der Verband positiv und rechnet mit einem Anstieg von rund 2 Prozent auf über 133.000 Mitarbeiter.

Der BV-Med vertritt als Wirtschaftsverband rund 230 Industrie- und Handelsunternehmen der Medizintechnik-Branche. Unter anderem sind die 20 weltweit größten Medizinproduktehersteller aus dem Verbrauchsgüterbereich im Verband organisiert. Dieser führt jedes Jahr im Herbst eine Umfrage zur aktuellen Lage der Branche durch. 2016 haben sich 80 internationale Unternehmen beteiligt. Das Ergebnis fällt etwas rosiger aus als die Erhebung von Spectaris: Demnach wächst die Medizintechnik-Branche im Exportgeschäft deutlich stärker als in Deutschland. So weit besteht Einigkeit. Die konkreten Zahlen jedoch weichen voneinander ab: Das Umsatzwachstum der BV-Med-Unternehmen beträgt weltweit rund 6 Prozent. Die Entwicklung im Inland ist dagegen mit einem Umsatzwachstum von 4 Prozent leicht rückläufig. Laut Einschätzung der BV-Med-Mitgliedsunternehmen sorgt die Medizintechnik trotz der schwierigeren Inlandssituation in Deutschland für zusätzliche Jobs: Zwei Drittel der Unternehmen haben in diesem Jahr zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. „Um die Innovationskraft der Medtech-Branche zu erhalten, müssen wir unsere Erstattungs- und Bewertungssysteme an die Dynamik der Technologien anpassen, damit die Patienten auch in Zukunft ohne Verzögerungen am medizinischen Fortschritt teilhaben können“, fordert deshalb der BV-Med-Vorstandsvorsitzende Dr. Meinrad Lugan.

Erstattungssysteme können mit der Technik nicht Schritt halten

Welche Faktoren sind laut Spectaris ursächlich für die aktuelle Lage der Branche? Nach einem sehr wachstumsstarken Vorjahr liegt die Umsatzentwicklung aufgrund der weltweit schwachen Konjunkturdynamik 2016 etwas unter den Erwartungen. „Hier macht sich das verlangsamte Wachstum in China, nach den USA zweitwichtigster Zielmarkt der deutschen Hersteller, bei den Exporten bemerkbar. Während die deutschen Medizintechnikausfuhren nach China in den vergangenen fünf Jahren um durchschnittlich 13 Prozent pro Jahr zulegen konnten, war in der ersten Jahreshälfte 2016 nur noch ein Exportplus von knapp 6 Prozent zu beobachten“, so Kuhlmann. Die Außenhandelszahlen lassen weiterhin auf schwierige Geschäfte in der Türkei (-13 Prozent), in Japan (-6 Prozent) und im Vereinigten Königreich (-3 Prozent) schließen. Erfreulicherweise scheint dagegen in Russland die Talsohle durchschritten zu sein. Erstmals seit 2012 liegen die deutschen Medizintechnikexporte dorthin wieder im positiven Bereich (+3 Prozent).

Rund 42 Prozent der deutschen Medizintechnik­exporte gehen aktuell in Länder der europäischen Union. Daher ist die robuste Nachfrageentwicklung in der EU die entscheidende Basis für das Branchenwachstum. In diesen Märkten begünstigen die Trends Gesundheit, individualisierte Medizin und Demografie die Branchenentwicklung, auch wenn dem oftmals Einsparbemühungen der Ausgabenträger entgegenstehen. Die möglichen Auswirkungen des Brexit, auch auf die europäische Volkswirtschaft insgesamt, stellen künftig einen erheblichen Unsicherheitsfaktor für die Unternehmen dar, ebenso die gesteigerten regulatorischen Anforderungen, die aus der in Kürze in Kraft tretenden europäischen Medizinprodukteverordnung (MDR) resultieren. „Durch die MDR erhöhen sich der bürokratische Aufwand und das Planungsrisiko für die Hersteller enorm. Während somit in den traditionellen Märkten Unsicherheiten und bürokratischer Aufwand eher zunehmen, die das Wachstum bremsen, bieten dagegen viele Schwellenländer aufgrund von massiven Investitionen in die dortigen Gesundheitssysteme weiterhin ein großes Potenzial“, weiß Kuhlmann. Seine Einschätzung für 2017: „Wachstumsmotor dieser innovativen Branche bleibt die demografische Entwicklung. Wachstumshindernisse sind die zunehmenden regulatorischen Anforderungen und die häufig zu kurzfristig gedachte Ausgabenpolitik der Gesundheitspolitik und der Kostenträger“, so Kuhlmann abschließend.

Die Schweiz kämpft mit dem starken Franken

Lange Zeit galt die Schweizer Medtech-Industrie als Paradebeispiel für einen gut funktionierenden Werkplatz. Mit einem konstanten Umsatzwachstum von jährlich rund 6 Prozent seit 2010 toppt die Schweizer Medizintechnik die Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Diesem Umsatzwachstum und Zuwachs an Mitarbeitenden stehen jedoch ein wachsender Preis- und Regulierungsdruck sowie die anhaltende Frankenstärke gegenüber. Zur Bewältigung dieser Herausforderungen haben die Medtech-Unternehmen in den jüngsten Jahren strukturelle Anpassungen getätigt sowie weiter in die Prozess- und Kosteneffizienz investiert. Auch kann die Industrie heute noch von Standortvorteilen profitieren, deren Attraktivität aber vermehrt von anderen führenden Medtech-Standorten eingeholt wird. So sind vor allem der starke Schweizer Franken, die Umsetzung der Unternehmenssteuerreform sowie die Massen­einwanderungs-Initiative und der sich verschärfende Fachkräftemangel Unsicherheitsfaktoren für Schweizer CEOs. ks

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